„Misere, Protest, Aufstand – Ursachen und Verlauf der sozialen Protestbewegung in Israel“

Im Rahmen der Reihe „Innere Widersprüche – Plurale Gesellschaft: Israels Umgang mit ge­sellschaftlichen Konflikten“ hatte die Deutsch­israelische Gesellschaft München (dig) Grisha Alroi-Arloser von der Deutsch-Israelischen In­dustrie- und Handelskammer, (Tel Aviv) zu Vor­trag und Diskussion am 21.11. im Foyer des Jüdi­schen Museums am St.-Jakobs-Platz eingeladen.

Der Referent, Herr Alroi-Arloser, 1956 in Jenisseisk, UdSSR geboren, in Köln aufgewachsen und Ende der 1970er Jahre nach Israel ausgewandert, leitete seinen Vortrag mir der ironisch zugespitzten Bemerkung ein, die Gesellschaft Israels bestehe aus Stämmen. Da wäre nicht nur die arabische Minderheit; eigene Sprache, kulturellen Zusammenhang und Lebens­gewohnheiten pflegten auch die orthodo­xen Juden, die Einwanderer aus Afrika, aus Russland usw. Diese fest zusammen­hängenden Gemeinschaften prägten mit ihren spezifischen Anliegen das politi­sche Leben. Dem entsprechend zerklüftet stelle sich das Parteiensystem dar.

Das von gewerkschaftlichen, genossen­schaftlichen und staatswirtschaftlichen Ideen bestimmte Israel der Gründerjahre sei in den 60er und 70er Jahren in eine Finanz- und Entwicklungskrise geraten, die sich in hohen Inflationsraten, wach­sender Staatsverschuldung im Ausland und stagnierendem Wirtschaftswachs­tum gezeigt hätten. Dies habe den Nieder­gang der ursprünglich tonangebenden Arbeitspartei mit sich gebracht. Eine Re­duktion der Verteidigungsausgaben sei für die übergroße Mehrheit der Israelis nicht in Frage gekommen, ebenso nicht eine Abwertung der Staatsschulden, die bekanntlich Verlust der Souveränität mit sich bringt.

So entstanden politische Mehrheiten für eine Privatisierungspolitik, der einenicht nur in der Region – beispiellosen Entwicklung der Wirtschaftskraft folgte. Bei der Auflösung der staatsbürokrati­schen Verflechtungen sei man allerdings nicht den Weg einer breiten Streuung gegangen, das Produktivvermögen sei in die Hände weniger Familienverbände ge­langt, eine Oligarchie habe sich herausge­bildet. Zusammen mit der viel zu schwach regulierten Privatisierung sei damit der Grund für eine rasante Zunahme der sozialen Ungleichheit gelegt worden, die längst auch Menschen in gesicherter Be­schäftigung betreffe. Ein beispielhafter Punkt sei die Wohnungsfrage.

Wohnen zur Miete sei in so gut wie allen Milieus der Gesellschaft Israels unbe­liebt und der Erwerb von Wohneigentum praktische Voraussetzung für die Grün­dung einer Familie. Üblich sei, dass die ganze Verwandtschaft dabei mithelfe. Inzwischen seien die Grundstücks- und Immobilienpreise aber den Möglichkei­ten breiter Bevölkerungskreise davon­gelaufen. Damit sei die Krise in all den Teilsegmenten der Gesellschaft Israels angelangt, in deren Zentrum stets die Familie stehe. Die Folge sei ein immer heftigerer Kampf der Interessengruppen um Ressourcen.

Alroi-Arloser sieht in dieser problema­tischen Situation aber auch die Chance zu einer Weiterentwicklung der Gesell­schaft Israels. Die Wirtschaftskraft des Landes beruhe heute weitgehend auf mo­derner, wissensbasierter Industrie, die gut Ausgebildeten – auch Frauen –beruf­liche Entwicklung bietet. Damit gerieten die archaisch-patriarchalischen Famili­enbilder unter Erosionsdruck. Die Aus­richtung der Menschen auf die Familie und die Religionsgemeinschaft schwäche sich ab, das staatsbürgerliche Interesse nehme zu. Verbunden mit den Erdgasfun­den der jüngsten Zeit, die die Zahlungs­bilanz des Landes entlasten könnten, sei es die fortdauernde Innovationkraft in Wissenschaft und Wirtschaft und die damit verbundenen beruflichen Chan­cen, die dem Klientelismus, der heute das politische Leben des Landes bestimmt, entscheidend schwächen könnten.

In der Diskussion wurde gefragt, wie­so man denn der Orthodoxie so große Privilegien einräume. Der Referent, der in seinem Vortrag mit Seitenhieben in diese fromme Richtung nicht gespart hat­te, meinte dazu, dass wohl allen Israelis bewusst sei, dass die Fortdauer jüdischen Lebens – seit dem Bar-Kochba-Aufstand (132 bis 135 u. Ztr.) ohne Staat und ohne Land – auf diese Art der Pflege von Tra­dition, Religion und Gelehrsamkeit nicht denkbar gewesen wäre.

Eine Kraft gegen die zunehmende so­ziale Ungleichheit sieht Alroi-Arloser weniger in einer Wiederbelebung der Gewerkschafts- und Genossenschafts­bewegung, Veränderungen würden am ehesten über die Politik und Verände­rungen im Parteiensystem zustande kommen, Alroi-Arloser meinte in diesem Zusammenhang, dass eine Reform des Wahlrechts bzw. der Parteiengesetzge­bung nötig bzw. überfällig sei. Der Refe­rent hielt seinen eindrucksvollen Vortrag völlig frei, ganz auf die Gelegenheit zuge­schnitten und auch ziemlich schnell. Eine dem Vortragsthema entsprechende Inter­netpublikation von Grisha Alroi-Arloser hat der Berichterstatter nicht gefunden, daher hier die Bitte um Nachsicht für eventuelle Ungenauigkeiten. Neben den sachlichen Aussagen zum Thema war an dieser Veranstaltung auch eine veränder­tere Auffassung von internationaler Soli­darität erkennbar, weniger Heroisierung, Favorisierung und mehr Arbeit am Ver­ständnis der vorfindlichen Problemlagen.

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