Gesamtschulentwicklung in Köln – “zäh und unambitioniert”

Bildquelle: Raimond Spekking / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

Es wird wohl tatsächlich demnächst in Köln mehr Gesamtschulen geben – allerdings nur in homöopathischen Dosen: 2014 zwei zusätzliche Klassen und 2015 zwei weitere, also jeweils etwa 56 neue Plätze. Dann werden immer noch mehr als 600 Kinder jährlich an Gesamtschulen abgewiesen. Dies ist das magere Ergebnis der großen Initiative für längeres gemeinsames Lernen, die die Kölner Schulverwaltung mit dem Integrierten Jugendhilfeund Schulentwicklungsplan Köln 2011 angekündigt hat. Damals war noch die Rede von neun möglichen Gesamtschulprojekten.

Auf politisch fragwürdigen, aufwändigen und vor allem erfolglosen Umwegen über Gemeinschaftsschulen und umfassende Sekundarschulplanungen gelangte die Verwaltung in diesem Jahr endlich zu der Schlussfolgerung, dass mehr längeres gemeinsames Lernen in Köln tatsächlich nur mit mehr Gesamtschulen zu haben ist. Diese Feststellung wird von der Linken – mit der Perspektivforderung „eine inklusive Schule für alle“ – seit Jahren mit Nachdruck vertreten.

Nun also endlich die ersten zögerlichen Schritte. Dabei entstehen aber nicht etwa in unterversorgten Vierteln neue eigenständige Gesamtschulen. Vielmehr werden vier bestehende Schulen an zwei Standorten als jeweils eine Gesamtschule zusammenarbeiten. Dies ist in Mülheim durch die Zusammenlegung der beiden bisherigen Gemeinschaftsschulen und in der Innenstadt durch Umwandlung von zwei Realschulen der Fall. In Dellbrück wird das bestehende Schulzentrum als Dependance der Gesamtschule Höhenhaus – ohne gymnasiale Oberstufe! – weitergeführt. In allen Fällen handelt es sich um extrem umständliche, hochgradig störungsanfällige und für die Schülerschaft wie für die Lehrkräfte strapaziöse Lösungen.

Es mag sein, dass Dependancekooperationen in einzelnen Fällen der kurzfristig einzig mögliche Schritt zur Gesamtschule sind. Dies gilt etwa für die Gesamtschulprojekte Mülheim und Innenstadt. Für Dellbrück wäre aber in jeder Hinsicht eine eigenständige Gesamtschule geboten und erheblich praktikabler. So aber wird es in Dellbrück nach wie vor nicht die Möglichkeit geben, das Abitur zu  erwerben. Die jetzt gewählte Dependancelösung mit der Gesamtschule Höhenhaus kann nur als Stückwerk bezeichnet werden – und selbst das gibt es erst ab Schuljahr 2015/16!

Eine weitere eigenständige Gesamtschule wäre im Bereich Kalk/Deutz dringend geboten. Die im benachbarten Höhenberg gelegene KatharinaHenoth-Gesamtschule muss seit Langem jährlich die Hälfte der angemeldeten Kinder aus ihrem eigenen Umfeld abweisen. Sie kann also auch mit der jetzt erwogenen, möglicherweise in der Nürnberger Straße entstehenden Dependance auf keinen Fall den riesigen Gesamtschulplatzbedarf von Kalk und Deutz decken.

Für diesen Bereich hält die Schulverwaltung offenbar überhaupt keine Gesamtschule für erforderlich. Dahinter steht vor allem der SPD-Mann Jochen Ott. Der war immerhin vormals Lehrer an der Gesamtschule in Brühl. Er müsste also wissen, worum es geht. In einem Artikel, den er mit der SPDLandtagsabgeordneten Gabriele Hammelrath im Forum der Kölner GEW veröffentlichte, führt er eine höchst fragwürdige Begründung für die Ablehnung einer Kalker Gesamtschule an: Es würde sich dabei, so meinen die beiden, lediglich um eine „verkappte Hauptschule“ handeln. Vermutlich meinen sie dies mit Blick auf den hohen Kalker Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund, denen sie offenbar pauschal die Lernfähigkeit absprechen.

Dabei müsste Ott wissen, dass sich Gesamtschulen durch enorme Lernzuwächse auszeichnen. Dort haben auch die Kinder eine gute Chance, die im gegliederten Schulsystem wegselektiert werden. Das erkennt auch die Kölner Schulverwaltung in ihrem oben erwähnten Integrierten Jugendhilfeund Schulentwicklungsplan ausdrücklich an. Nicht so Jochen Ott, der zwar weihevoll von gemeinsamem Lernen als seiner „Herzensangelegenheit“ spricht, de facto aber ohne sachlich argumentative Begründung eine obstruktive Gesamtschulpolitik betreibt.

Bleiben noch drei weitere Kölner Gesamtschulprojekte, die ebenfalls recht schräg laufen: Zum einen kommt die Inklusive Universitätsschule Köln, die auf dem Ehrenfelder Heliosgelände entstehen soll, nur zögerlich voran. Da stehen sowohl die exorbitanten Preisvorstellungen des Grundstückseigentümers Bauwens-Adenauer als auch die bürokratischen Hürden der Kölner Bauverwaltung im Wege.

Zum zweiten treibt die Stadt Köln unverdrossen die Planung und die baldigen Baumaßnahmen der Bildungslandschaft Altstadt Nord voran.

Sie wird für eine Baukostensumme von über bislang geplantenb75 Mio. Euro den beteiligten Bildungseinrichtungen lediglich einige gemeinsam nutzbare Räumlichkeiten bieten, während es bei der strikten Trennung der Schulformen bleibt. Gemeinsames Lernen nach Klasse 4 wird dort also nicht vorkommen.

Und schließlich läuft zurzeit eine mindestens 45 Mio. Euro teure Neubaumaßnahme in Longerich, mit der die Gesamtschule Nippes in den fernen Stadtteil, und damit in direkt konkurrierende Nähe zur Gesamtschule Chorweiler verlagert wird.

Zusammenfassend kann der Gesamtschulentwicklungskurs der Kölner Verwaltung nur als zäh und unambitioniert bewertet werden – vor allem angesichts vieler zugleich laufender Baumaßnahmen  zur  Erweiterung und Optimierung der Kölner Gymnasialkapazitäten. Dort aber gab und gibt es keinen Platzmangel, wird also über den Bedarf hinaus gebaut. Hier werden eindeutig falsche Prioritäten gesetzt! Statt mehr Kindern die Chance auf längeres gemeinsames Lernen zu geben, wird das selektive gegliederte Schulwesen mit seiner ungerechten Verteilung von Bildungschancen weiter ausgebaut. Die Zahl der Gesamtschulabweisungen in Köln wird so auch in den kommenden Jahren nicht unter jeweils 600 sinken.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen leicht redigierten Vorabdruck eines Beitrags der Initiative: Mehr Gesamtschulen in Köln (i:mgik) im „Forum“ der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Köln.

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