IG Metall: Initiative zu Berufskrankheiten

Europaweit sterben jährlich nach wie vor zwischen 5 und 6000 Menschen an einem Arbeitsunfall. Die Fallzahlen sind jedoch seit langem rückläufig, auch wenn durch die Zunahme prekärer Beschäftigungsformen in dem einen oder anderen Land, zum Beispiel im Bausektor, in den letzten Jahren auch wieder eine Zunahme der tödlichen Unfälle vermeldet wurde. Vergleicht man allerdings die genannten 5 bis 6000 Unfalltoten mit den Beschäftigten, die an einer beruflich bedingten Erkrankung sterben, befindet man sich in einer anderen Dimension. In einer Entschließung zur europäischen Gemeinschaftsstrategie zum Arbeitsund Gesundheitsschutz hatte das Parlament (Entschließung vom 15.12.2011) eine Zahl von ca. 160000 jährlichen Opfern von Berufskrankheiten  genannt.

Selbst bei einer stark verbesserten Prävention am Arbeitsplatz dürfte auf mittlere Sicht die Zahl der von einer Berufskrankheit betroffenen nicht schnell sinken. Die Dynamiken am Arbeitsplatz (neue Technik, neue Stoffe, neue Produktund Stoffkombinationen) generieren auch immer neue Belastungen oder Belastungscocktails. Aspekte der Belastungssituation von Morgen sind unter Umständen erst in zehn Jahren oder später epidemiologisch nachweisbar.

Die IG Metall hat nun eine Initiative gestartet, die auf Verbesserungen im Berufskrankheitenrecht zielt. Im Dezember wurde ein Schwarzbuch Berufskrankheiten veröffentlich.[1]

Im Vorwort des Schwarzbuches wird vor allem die Anerkennungspraxis skandalisiert. „Weit mehr als 70000 Anzeigen auf Verdacht einer Berufskrankheit werden Jahr für Jahr gestellt, Nur etwa jede fünfte Anzeige führt zu einer Anerkennung. Viel zu viele Verfahren scheitern daran, dass der rechtlich erforderliche Nachweis nicht zweifelsfrei erbracht werden kann mit der Folge, dass die Ansprüche der Betroffenen

nicht erfüllt werden. Ein Skandal, wenn man sich die gravierenden Konsequenzen für die Kolleginnen und Kollegen vor Augen hält! …

Die gesetzlichen Voraussetzungen für die Anerkennung einer Berufskrankheit müssen reformiert werden. Sie sind zu hoch und können im Grunde willkürlich zu Lasten der Erkrankten ausgelegt werden. … Nach gegenwärtigem Recht führt jeder Zweifel daran, ob alle geforderten Voraussetzungen vorliegen dazu, dass die Anerkennung einer Berufskrankheit scheitert. Letztlich brauchen wir daher eine Umkehr der Beweislast.“[2]

Parallel zur Buchveröffentlichung sind Materialien für die betriebliche und ein Thesenpapier für die innerorganisatorische Diskussion veröffentlicht worden. Sowohl das Schwarzbuch als auch das Thesenpapier verengen die Diskussion allerdings nicht auf die Beweislastumkehr, sondern beschäftigen sich mit den diversen für die Anerkennung oder Ablehnung eines Antrages relevanten Aspekten im Berufskrankheitenverfahren. Das Buch gliedert sich in zwölf Kapitel, die meist anhand einer spezifischen Berufskrankheit diese Aspekte diskutieren. Dabei wird die teils willkürliche Grenzziehung bei Anerkennungsvoraussetzungen ebenso behandelt wie die Rolle der Gutachter, die Anwendung standardisierter DosisWirkungsmodelle, fehlende Schlussfolgerungen für die betriebliche Präventionspraxis oder die Leerstellen in der aktuellen Liste der Berufskrankheiten.

Ziel der Initiative ist, die diversen Forderungen für eine verbesserte Anerkennungspraxis nicht nur in den Betrieben zu diskutieren, sondern sie in den wissenschaftlichen und politischen Diskurs einzuspeisen und sie dort voranzutreiben. Vor allem sind aber die Selbstverwaltungsstrukturen in den Berufsgenossenschaften im Fokus der Initiative.

Dokumentiert: Psycho-Stress: DGB fordert klare Regeln für bessere Arbeitsbedingungen.

Milliardenkosten durch  psychische  Belastungen  am  Arbeitsplatz Psychische  Erkrankungen sind inzwischen eine häufige Ursache für den erzwungenen Ausstieg aus dem Job. Der DGB fordert deshalb von der Bundesregierung, gesetzlich gegen zunehmenden Stress am Arbeitsplatz vorzugehen. „Wir brauchen eine Anti-Stress-Politik, damit Arbeit nicht länger krank macht“, erklärte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Arbeitsstress verursacht jährliche Kosten in zweistelliger Milliardenhöhe. Nur bei neun Prozent der Beschäftigten berücksichtigt der Arbeitsplatz-Check solche psychischen Belastungen. „Das Thema Psychostress am Arbeitsplatz muss ganz oben auf der politischen Agenda bleiben, weil der Arbeitsplatz Stressfaktor Nummer eins ist und Arbeitsstress Kosten in zweistelliger Milliardenhöhe verursacht. Wir erwarten von der neuen Bundesregierung, die Ansätze der letzten Jahre auszuweiten und klare Regeln für bessere Arbeitsbedingungen zu setzen. Wir brauchen eine Anti-StressPolitik, damit Arbeit nicht länger krank macht.“ … Der volle Wortlaut unter: www.dgb.de

Bildquelle: by DanieleCivello at flickr.com


[1] „Berufskrankheiten – Das Schwarzbuch der IG Metall“. Die Broschüre ist für 3 Euro unter der Pro- duktnummer 27286-45093 abzurufen.

[2] Beweislast bedeutet hier, dass der betroffene Beschäftigte die sogenannte doppelte Kausalität nachweisen muss. Erstens, dass die Krankheit ein anerkannte Berufskrankheit ist, und zweitens, dass sie durch seine konkrete berufliche Tätigkeit bedingt ist.

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