Indien – Ein Land in mehreren Jahrhunderten

Mitte Februar 2014 wurde das dreijährige Bestehen des Auslandbüros der RosaLuxemburg-Stiftung in Neu Delhi in Form einer Eröffnung feierlich begangen. Carsten Krinn ist seit Januar 2010 für die Stiftung vor Ort und hat das neunköpfige hochmotivierte Team aufgebaut. Ein dreitägiges Seminar zu vielfältigen Widerstandsformen gegen neoliberale Entwicklungen umrahmte die Feierlichkeiten.

Aus Berlin war die Vorstandsvorsitzende Dagmar Enkelmann mit einem Team aus dem ZID angereist. Die Länder waren durch Stephan Krull sehr gut vertreten. Einen ersten Höhepunkt gab es am ersten Seminarabend, als Noor Zaheer & Group ein Theaterstück zu Rosa Luxemburg aufführten. Junge Studenten bereiteten sich darin auf

Straßendemonstrationen vor und debattierten ihre [Rosas] Aussagen. Immer wieder meldete sie sich – quasi aus dem Off – mit Auszügen aus Schriften und Briefen zu Wort. Die Zuschauer waren beeindruckt von der Aktualität ihrer Gedanken und dem Engagement des jungen Teams.

Am Dienstag wurde der feierliche Eröffnungsabend mit einer Diskussion der ehemaligen Finanzminister von Kerala (Südindien) Isaac Thomas und Helmuth Markov aus Brandenburg mit viel Verve und einer spannenden Diskussion eingeleitet.

Im Seminar durchwoben sich lebendig Aspekte und Widerstandsformen von Parteien auf der kommunalen Ebene (u.a. Ulrike Detjen, ebenfalls Vorstand, zur Kommunalpolitik der

Linken), von Kulturaktivisten (Kunst, Theater etc.) und soziopolitischen Zentren (wie beispielsweise das Peter Weiss Haus aus Rostock).

Schwerpunkte des Regionalbüros Südasien, das für Indien, Nepal, Bangladesch und Sri Lanka zuständig ist, sind Fragen der Arbeitswelt (insbesondere zu prekären Arbeitsverhältnissen), Agrarfragen (mit Fokus auf die Möglichkeiten kleinbäuerlicher Landwirtschaft) und Konzepte linker Praxis in Südasien. Informationen zum Büro und zur Region finden sich auf der Website der Stiftung.

Ein kurzer Bericht von Ulrike Detjen

Gleich bei der Ankunft am Sonntagmorgen, 9. Februar, empfing mich der Geruch von Neu Delhi, der mich die ganze Zeit nicht verlassen hat: staubig und nach Holzfeuer riechend. Bereits auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel wurden die ungeheuer großen sozialen Unterschiede deutlich – Menschen, die am Rande der Autobahn lebten, moderne SUV, Tuktuks, Fahrradrikschas. Bei den kurzen Besichtigungen hatte ich den Eindruck, dass diese Stadt gleichzeitig in mehreren Jahrhunderten lebt: Gärtner, die in einem Zelt im Park mit offenem Holzfeuer leben, neben modernsten Gebäuden, traditionelle Bazare neben hochmodernen Geschäften, Straßenköche und edle Restaurants, bettelnde, obdachlose Kinder und Kinder in Schuluniform auf dem Schulausflug; ein lebhafter Verkehr – Rom ist nichts dagegen – mit viel Gehupe, aber einer erstaunlichen Gelassenheit – und trotz der großen sozialen Unterschiede wenig öffentlich sichtbare Gewalt, kein Raub, keine Diebstähle.

In der Konferenz zur Eröffnung des RLS-Regionalbüros wurden diese Eindrücke fundiert durch die Vorträge der Referentinnen und Referenten. Die Eingriffsrechte der Provinzregierungen gegenüber den Kommunen sind stark – die kommunalen Rechte entsprechend schwach. Mittelzuschüsse der Provinzregierung und der Bundesregierung sind meist an die Bedingung Privatisierung öffentlicher Einrichtungen gebunden. Trotz bestehender Stadtentwicklungspläne findet wenig politisch gesteuerte Stadtentwicklung statt. Die Folge ist: Der Wohnungsbau für arme Menschen ist völlig unterentwickelt, in Neu Delhi leben ca. 150 000 Menschen auf der Straße, zehntausende in illegalen Siedlungen und auf den Müllbergen vor der Stadt.

Flächennutzung bleibt privaten und gewerblichen Investoren vorbehalten.

50 bis 60 % der Bevölkerung haben keinen Zugang zu öffentlichen Einrichtungen, ein großer Teil verfügt nicht einmal über eine regelmäßige Wasserversorgung, so dass die Kommunalpolitik inzwischen eine kostenlose Mindestmenge Wasser für alle Bewohner diskutiert. Die Antwort neoliberaler Politiker ist, das würde nur zur Verschwendung führen – wenn das Wasser nichts kostet, würden die Leute es nicht effizient nutzen. Das ist das gleiche Argument, das wir in der Bundesrepublik hören, wenn es um eine garantierte Mindestmenge Strom geht. Dabei ist sichtbar in der Stadt, dass diejenigen, die ihre Parks und Gärten wässern, viel mehr Wasser verbrauchen, als alle Menschen, die auf der Straße leben, je nutzen würden.

Die Antworten der Vertreterinnen und Vertreter der indischen Linken auf diese Probleme sind unterschiedlich – von Bemühungen, über Graswurzelgewerkschaften die Arbeiter nicht parteigebunden zu organisieren, Demonstrationen und Streiks unter der Führung jeweils einer Partei bis zu beeindruckenden, selbstorganisierten Zentren für Gesundheitsversorgung und Ausbildungsmöglichkeiten für Frauen. Dennoch ist auffällig, dass die traditionellen Organisationsund Kampfmethoden der linken Parteien gegenüber dem international organisierten, neoliberal agierenden Kapital zumindest unzureichend sind. Erkennbar war für mich, dass sowohl die CPI wie auch die CPI (M) die Debatte über die Gründe für ihre Niederlagen bei den Provinzwahlen noch nicht abgeschlossen haben. Obwohl beide Parteien hunderttausende Menschen zu

Demonstrationen und Streiks organisieren können, schlägt sich das nicht mehr in Wählerstimmen nieder. Der Lernprozess, Erfolge aus der Opposition heraus zu erringen, ist schmerzhaft. Undeutlich blieb bei den Vorträgen, wie diese Organisationen mit dem riesigen informellen Sektor umgehen – welche Angebote sie in den Städten für diejenigen haben, die keine ordentlichen Arbeitsverträge haben, sondern ihren Lebensunterhalt als Straßenhändler, Hausbedienstete, Tagelöhner verdienen müssen.

Der Bericht über die Lokalradios in Nepal zeigte einen anderen Weg – im ländlichen Raum bieten die Lokalradios den Menschen die Möglichkeit, selbst tätig zu werden, ihre eigenen Probleme und Bedürfnisse öffentlich anzusprechen, zu diskutieren und sich selbst zu organisieren. Und das mit einem verhältnismäßig preisgünstigen Verfahren. In den Bergtälern ist die ländliche Bevölkerung von anderen Kommunikationsmitteln weitgehend abgeschnitten, das Lokalradio bietet die Möglichkeit, dies zu überwinden. In diesem Vortrag fiel der imponierende Satz: „Die Armen sind die Überlebenskünstler.

Das gesamte Programm war bemerkenswert – die Eröffnung und dem ergreifenden Theaterstück „Rendezvous mit Rosasowie die Vorträge, die verschiedene Blicke auf die Wirkungen des Neoliberalismus zeichneten. Der Besuch der Frauenorganisation National Federation of Indien Women hat mir nach den eher parteizentrierten Vorträgen gezeigt, dass es insbesondere bei den Frauenorganisationen Bemühungen gibt, über die Parteigrenzen hinweg zusammenzuarbeiten.

Bildquelle: rednivaram at flickr.com

 

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