Zur Geschichte der Ukraine

Jeder hört und liest jeden Tag von den politischen Ereignissen in der Ukraine und muss sich mit deren Deutung auseinandersetzen. Was dort in den letzten 20 Jahren seit ihrer Gründung gelaufen ist, was sie in den letzten 200 Jahre getrieben hat, bzw wie sie getrieben wurde, und ob es sie und wenn dann wie in den letzten 2000 Jahren gegeben hat, ist kaum bekannt, auch den meisten historischen Wissenschaftlern nicht, jedenfalls nicht im Westen. Dieser Überblick über die ukrainische Geschichte soll diese Lücke füllen. Zunächst nur bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. An eine nachfolgende Untersuchung ist gedacht.

I. Die Frühzeit

Wie jede nationale Geschichtsschreibung ist auch die ukrainische bemüht, ihre Ursprünge in möglichst ferne Zeiten zurück zu verlegen. Als unmittelbare Vorfahren gelten ihnen die legendären ostslawischen Anten, die in der „Gotengeschichte“ des Jordanes im 5. Jhd. genannt werden. Aber sie können als reale Gruppe bisher historisch nicht nachgewiesen werden. Im Bereich der südrussischen und ukrainischen Ebene nördlich des Schwarzen Meeres, die von Westen und Osten offen zugänglich ist, hat es hingegen über viele Jahrhunderte (Jhd.) schon vor unserer Zeitrechnung (v.Z.) bis in die Neuzeit zahlreiche Invasionswellen von mittel- und ostasiatischen Völkern gegeben. Historisch und archäologisch erfasst sind aus dem 7. Jhd. v.Z. die Skythen und Sarmaten. Vom 7. bis zum 4. Jhd. v.Z. gab es am Schwarzmeerufer blühende griechische Kolonien. Sie wurden in der Völkerwanderungszeit ab dem 5. Jhd. nach unserer Zeitrechnung (n.Z.) von den ostgermanischen Goten vertrieben. Im 4. Jhd. n.Z. drängten auch die Hunnen unter Attila aus den fernöstlichen Ländern über die offene Steppe der Ukraine weit in den Westen vor. Erst jetzt gerieten die ersten slawischen Stämme, die der Korcak-Kultur, aus dem Gebiet der beiden wichtigsten ukrainischen Flüsse, dem Dnjestr und Dnjepr, in Bewegung und leiteten eine vielfältige slawische Expansion in die osteuropäische Tiefebene ein. Sie drängen die dort ansässigen finno-ugrischen und baltischen Stammesverbände nach Norden an die Ostsee ab. Unter all diesen Bevölkerungsgruppen gibt es neben der Verdrängung auch vielfältige Assimilationsvorgänge. Woher die Ukrainer aber ursprünglich stammen und mit wem sie verwandt sind, kann nicht präzise erfasst werden. Ihre Sprache lässt sich erst im 13. Jhd. neben Russisch und Weißrussisch aus dem Ostslawischen ableiten.

Erste osteuropäische Reichsbildungen zeichnen sich im 7. Jhd. bei den Chazaren ab, die ein multiethnisches Herrschaftsgebiet errichten, und bei den turksprachigen Wolgabulgaren, die ein gut strukturiertes Handelsimperium mit Kontakt zu den mittelasiatischen Märkten bilden. Seit dem 8. Jhd. lassen sich in diesem osteuropäischen Raum arabische Münzen nachweisen. Das lässt auf eine beginnende Handelstätigkeit über die Wasserweg von Wolga, Don und Dnjepr schließen. Die Verbindung zum oströmischen Reich von Byzanz, zu den neue entstandenen islamischen Reichen und zu den im Norden an der Ostsee Handel treibenden Waräger oder Nordmannen steht außer Zweifel. Schwedische Wikinger segeln Flüsse herunter und tragen ihre Boote über die Landstriche zwischen Danzig, Nowgorod und Byzanz durch die Ukraine und verkaufen Pelze, Honig, Wachs und Sklaven.

Im 8. und 9. Jhd. ist diese ethnische, sprachliche und soziale Mischung aus Normannen und ukrainischen Slawen, aus Händlern, Fischern und Ackerbauern, die Grundlage für die Herausbildung eines weiteren dritten Herrschaftsgebietes zwischen dem Schwarzem Meer und der Ostsee: der Kiewer Rus, dessen Kernland die heutige Ukraine bildet.

Wer für diese frühe Zeit gerne eine genaue völkische Zuordnung oder Abstammung nachweisen möchte, um damit die eigene ukrainische Identität zu beweisen oder besser: zu konstruieren, bewegt sich dabei im wahrsten Sinne des Wortes auf sumpfigem Gelände. Das ukrainische Gebiet ist wie kaum ein anderes in Europa ein Land, durch das man hindurch zieht, in dem man siedelt, das man erobert, aus dem man vertrieben wird, das man wieder verlässt, in dem man sich assimiliert. Ethnische und sprachliche Vermischung bestimmen den Ursprung der Ukraine.

II. Die Kiewer Rus

Der Begriff der Kiewer „Rus“ entstand zweifellos und heute allgemein anerkannt aus der Selbstbezeichnung der warägischen Skandinavier als „Ruderer“. Das Interesse am Fernhandel und dessen Organisation bildeten einen ganz wesentlichen Impuls der Skandinavier für die Entstehung eines organisierten Reiches. Auch die Ostslawen müssen daran interessiert gewesen sein, ein stabiles territorial abgesichertes politisches Gebilde mit eigener Führungsschicht zu besitzen. Nach der Chroniküberlieferung des Nestor („Erzählung von den vergangenen Jahren“) entstand dieses Reich 882 durch die Vereinigung von Nowgorod und Kiew unter der Warägerherrschaft des Oleg, der auch Kiew zur Hauptstadt seines neuen Reiches machte. Den Chazaren abgeschaut schuf er ein gut funktionierendes Tributsystem für die südlichen Stämme der Ostslawen am gut besiedelten Dnjeprbecken. Sein Nachfolger Wladimir – als altrussischer Fürst nun mit slawischem Namen – konnte seinen Thron bereits durch Eroberungen im Bereich des angrenzenden polnischen Königs Mieszko I. sichern. 988 organisiert er mit der „Taufe der Rus“ die christliche Legitimierung seines Reiches. Allerdings in Verbindung mit der griechisch-orthodoxen Kirche von Byzanz und nicht mit dem westlichen päpstlichen Lateinertum. Mit beiden christlichen Religionen hatte er zuvor Kontakte gepflegt. Diese Entscheidung, die in der Ukraine fiel, war der Grund für ein konfliktreiches Mitund Gegeneinander in den folgenden Jahrhunderten bis in die Neuzeit.

Jaroslaw der Weise gab
der Kiewer Rus eine territorial strukturierte Erbfolgeordnung mit hierarchisch nachgeordneten Fürstentümern. Kiew blieb mit
seiner 1070 erstellten Sophienkirche und dem – 1982 rekonstruierten – Goldenen
Tor, das Modest Mussorgsky musikalisch berühmt
gemacht hat, religiöses und politisches Zentrum. Für seine Kämpfe und Kriege wurden die Bojaren zur Gefolgschaft verpflichtet und an sie zur Belohnung Grundbesitz verteilt. Von fürstlichen Burgen aus wurde im Umland von unterworfenen Stämmen Tribut eingezogen. Die eigene Landbevölkerung war zur Zahlung von Steuern und Abgaben verpflichtet. Neben relativ freien Bauern gab es auch völlig abhängige Dienstleute. Zahlreiche neue Städte entstehen, um weiter Fernhandel zu betreiben. Ihre Nutznießer sind neben den mächtigen Bojaren auch Kaufleute, Händler und Handwerker. Die Ukraine ist ein sich beständig ausdehnender gut funktionierender feudaler Staat wie es ihn zu der Zeit auch im Westen Europas gibt.

Schwierigkeiten bereiteten der Kiewer Rus die ständigen Einfälle nomadischer Stämme und Völker aus dem ostasiatischen Raum. Als Chan Batu mit seinem Mongolenheer 1240 Kiew erreichte und zerstörte, markierte dies das Ende der Rus. Der letzte große Fürst Vladimir Monomach konnte noch kurzzeitig die Steppe im Süden vor den hereinfallenden reiternomadischen Perscheneggen und den Polowzer Kumanen schützen. Aber die daraus resultierende „schleichende Entsiedelung“, die Schleifung der russischen Festungen im Süden und der Ruin des alten Handelsnetzes der Rus, das durch die nordische Hanse an der Ostsee ersetzt wurden, konnten den Untergang nicht mehr aufhalten. Kasimir von Polen besetzte 1349 das Gebiet von Galizien-Wollynien zwischen Lemberg und Brest und beendete damit die Existenz der Kiewer Rus.

Bis in die Neuzeit gibt es heftige ideologische Auseinandersetzungen über die Beurteilung der Kiewer Rus. War sie die erste originäre Herrschaft des neu entstandenen ukrainischen Volkes – wie es Ukrainer vehement vertreten – oder war sie ein in Kiew begonnener Prozess zur Entstehung des später in Moskau geschaffenen Russischen Reiches – wie es natürlich die russische Seite sieh? Kann man den fremden Warägern einen Anteil an der Staatsbildung zubilligen oder war es eine originäre ukrainische, bzw. russische Leistung? Bis heute eine nicht zu überschätzende Identitätsfrage für beide Staaten!

III. Tribut für die Mongolen

Das Gebiet der ehemaligen Rus wurde in vielfältige neue politische Gebilde unter verschiedenen Herrschern umgewandelt. Das alte Zentrum von Kiew konnte zwar 1240 zum Metropolitansitz für die Orthodoxe Kirche erklärt werden (mit Billigung der „patriarchalen“ Zentrale aller Orthodoxen in Byzanz), aber der größte Teil seines Gebietes gehörte nun den Mongolen, und die Bevölkerung unterstand nun den Chanen der „Goldenen Horde“.

Das nordwestliche Galizien-Wollynien konnte sich als ehemaliger Teil der Rus gegenüber den von Osten her einfallenden Tataren gut behaupten. Ihre Fürsten betrieben eine vielfältige und erfolgreiche Außenund Bündnispolitik mit den Ungarn und Polen. Aber wiederholt gelang es diesen auch, das wollynische Gebiet und den galizischen Thron an sich zu reißen. Ihre Herrschaftsrechte mussten sie sich wiederholt von der „Goldenen Horde“ bestätigen lassen. GalizienWollynien gelang es, durch Belebung des Handels und Zuzug von Armeniern, Deutschen und Juden in ihren Städten weitgehend Eigenständigkeit zu bewahren. Handelsbeziehungen wurden von den Mongolen auch nicht unterbunden. Ebenso setzten sie die vorhandene Bojarenaristokratie nicht ab, solange diese ihren Tribut zahlten. Und in religiösen Fragen waren die Mongolen tolerant. Sie mischten sich nicht in die inneren Angelegenheiten der Orthodoxen oder Katholiken ein. So konnte unter ihrer Herrschaft im ukrainischen Bereich die ukrainische Sprache und die religiöse Verbindung nach Kiew erhalten bleiben.

IV. Unter der Herrschaft von Litauen und Polen.

Mitte des 13. Jhds. ernannten die Mongolen für die Städte Kiew und Vladimir je einen zuständigen Fürsten. Da erstere 1240 völlig zerstört worden war und große Bevölkerungsverluste hinnehmen musste, übernahm letztere die Nachfolge der alten Rus. Daraus entwickelte sich im Laufe des kommenden Jahrhunderts das neue Russische Reich mit der neuen Hauptstadt Moskau. Bis heute hin betont Russland, ihr Reich und nicht das der Ukrainer sei historisch die wahre Fortsetzung der Kiewer Rus.

Weiter im Norden entstand zwischen Memel und Düna an der Ostsee eine weitere politische Großmacht: Litauen. Ähnlich wie Moskau war auch sie um die Sammlung der ostslawischen Länder bemüht. Bald umfasste das Reich von Meer zu Meer – der Ostsee bis zum Schwarzen Meer – einen gewaltigen Siedlungsraum, in dem nur 10% Litauer, aber 90 % Slawen wohnten. 1385 kam es im „Vertrag zu Krewo“ bei Wilna mit dem angrenzenden polnischen Königreich zu einer Union. 1386 folgte die Heirat zwischen dem Großfürsten Jogila von Litauen und der polnischen Thronerbin Jadwiga. Vertragsgrundlage war, dass er sämtliche Litauer – als letztes heidnisches Volk Europas – für katholisch erklären, also „taufen“ lassen musste. Ursache eines weitreichenden Konfliktes, der über die Jahrhunderte bis in die Neuzeit gewirkt hat. Die westlichen Teile der orthodoxen Ukraine unterstanden von nun an Jahrhunderte lang einer katholischen, polnisch-litauischen Staatsführung. Zunächst noch tolerant gegenüber den andersgläubigen Orthodoxen, wurden diese nun benachteiligt, unterdrückt, verfolgt und zwangsweise missioniert. Ein ihnen fremder litauischer katholischer Adel drang in das ukrainische Land ein, besetzte die höchsten Staatsämter und erhielt dort umfassenden Grundbesitz.

1434 fiel ein neues Reitervolk aus dem Osten kommend in die Ukraine ein: die Krimtataren. Sie schwächten das große Litauen-Polen erheblich, hinterließen im Süden des Landes ein noch heute so genanntes „wildes (entvölkertes) Land“. Die ostslawische Bevölkerung floh oder unterwarf sich. Daraufhin gelang es dem Großfürstentum von Moskau im litauisch-russischen Krieg zwischen 1500 und 1503 die angeschlagenen Litauer zu besiegen und die Teile der heutigen Ukraine für sich zu gewinnen. Ivan III. ernannte sich selbstbewusst zum Erben und „Großfürsten der ganzen Kiewer Rus“. Der größte Teil der Ukraine – fast identisch mit der alten Kiewer Rus – konnte bei LitauenPolen bleiben. Allerdings wurden nun die Litauer in der „Union von Lublin“ (1569) zwangweise dem polnischen Staat einverleibt. Und dieser herrschte über den westlichen Teil der Ukraine. Ihre Bewohner waren mit Polen „vom Regen in die Traufe“ gekommen.

Die polnisch-litauische Fürsten-Herrschaft schränkte die bisherige Freizügigkeit der ostslawischen Bauern in ihren autonomen Dorfgemeinschaften erheblich ein und förderte den Machtzuwachs des Adels (der sogenannten polnischen Magnaten und der Szlachta). Gemäß polnischem Rechtsdenken wurde das Ackerland zunehmend Eigentum des Staates oder der adligen und kirchlichen Grundherren. „In der von Polen beherrschtem Gebieten siedelten sich viele polnische, ungarische, deutsche und tschechische Adlige an. Der orthodoxe Adel passte sich, um seine Rechte und Reichtümer nicht zu verlieren, der neuen Ordnung größtenteils an und ließ sich polonisieren und katholisieren. Nur der niedere Adel blieb orthodox.“ (Angermann/ Golczewski, S. 42)

Polnische, deutsche und rumänische Bauern wurden als Neusiedler ins Land gelassen. Die – meist katholischen – Deutschen nach deutschem Recht (pro Hof nach Steuereinheiten bemessen), die walachischen und rumänischen nach rumänischem Recht (Pachtzahlungen in Naturalien). Im 14. Jahrhundert hatte noch die Naturalwirtschaft mit Tierzucht, Fischerei und Getreideanbau vorgeherrscht. Jetzt im 16. Jhd. stieg in Westeuropa die Nachfrage nach Getreide, was zu der Hufenreform von 1557 führte. Die Dreifelderwirtschaft wurde eingeführt, die Bodenverteilung an die Bauern beschränkt und die Dörferstruktur durch Gutshöfe und Vorwerke ersetzt. Für die Bauern bedeutete diese Reform eine krasse Verschlechterung, da sie nun zu reinen Zinsbauern und Fronbauern degradiert wurden.

V. Personenverbände, Kosaken und erfolgreiche Aufstände

Viele verarmte Bauern entschlossen sich daraufhin zur Landflucht in das bevölkerungsarme, strukturschwache ukrainische Grenzland südlich von Kiew. Und gerade dieses Gebiet sollte im 17. Jhd. zum Träger einer neuen Selbständigkeit werden, dem „Land der Freiheit“, wie es ukrainische Historiker gerne noch heute bezeichnen.

Seit dem 15. Jhd. war dies Gebiet ständig von tatarischen Überfällen heimgesucht worden. Dies führte zum sozialen Aufstieg einer besonderen Gruppe in der Bevölkerung. In der Umgebung von Burgen hatten hier niedere Dienstleute Tätigkeiten als Boten oder Fuhrleute verrichtet und sogenannte „Hundertschaften“ in burgnahen Dörfern für die Versorgung der Burgbesatzung als Pferde-, Biber-, Bienenzüchter oder Fischer gearbeitet. Solche regionalen Personenverbände waren, weil der ferne Staat keinen effektiven Schutz zur Steppe hin gewährleisten konnte und es auch hier keine adlige polnische Kriegerschicht gab, auf sich gestellt und übernahmen in eigener Regie militärische Sicherungsaufgaben. Sie organisierten sich zunehmend in egalitären Gemeinschaften, die eigenen Grund und Boden nutzen und sich nach eigenständigen Verteidigungsund Leistungsfähigkeit wie „Freie Krieger“ oder auch Kosaken verhalten konnten. Nach dem Zerfall des tatarischen Herrschaftssystems wurden sie immer häufiger befristet als reguläre Soldaten der polnischen Könige umworben, mit Geld und Textilien besoldet und mit Privilegien versehen. Bald gab es dauerhafte Heeresverbände aus Söldnerkosaken. Reichte ihre Bezahlung nicht aus, requirierten sie eigenständig Lebensmittel und Vieh. Zu ihnen gesellten sich verarmte und entflohenen Bauern und bald wurden die Kosaken endgültig zum politischen SprachrohrdermitderAdelsherrschaft unzufriedenen Grenzbevölkerung.

1595-1596 erfolgte durch die lokalen Bauerngemeinschaften unter dem Führer Nalyvajko ein erster Aufstand, indem sie Adlige von ihren Gütern vertrieben. Die polnische Regierung konnte ihrer nur mit militärischen Mitteln Herr werden. Daneben kämpften diese Bauern- und Söldnertruppen wahlweise für das polnische wie das russische Reich, sogar für einen Thronanwärter der Krimtataren und als Söldner im Dreißigjährigen Krieg. Ihr Großer Aufstand von 1648 unter dem Führer Bohdan Chmelnycki sorgte schließlich für den Untergang des von den Bauern verhassten polnischen Reiches. Das Aufstandsheer von zunächst 6000 Leuten wuchs zu einem Massenheer von 300 000 Mann mit hochqualifizierten Kerntruppen an. Vom orthodoxen Metropoliten begleitet zogen sie als Befreier in Kiew ein und erreichten bei Verhandlungen in Warschau und in dem „Vertrag von Zboriv“, dass sie ein eigenes herrschaftliches Gemeinwesen bilden durften. Als Folge des Aufstandes erhielt Litauen seine Eigenständigkeit zurück und trennte sich von Polen. Polen selber blieb der alte feudale Adelsstaat wie bisher. Im südlichen Grenzland um Kiew, Braclaw und Cernihiv durften fortan nur die Kosaken sowie der orthodoxe Adel und die orthodoxen Metropoliten „regieren“. Anders als bei den meisten westeuropäischen Bauernaufständen war ihr Aufstand erfolgreich – der größte aller Massenaufstände der frühen Neuzeit. Die heutigen Ukrainer mögen sich an diesen Erfolg durch Aufstand gern erinnern und ihn vielleicht auch gerne nachahmen.

VI. Die Hetmane

Nach dem erfolgreichen Aufstand der Zagorsker Kosaken wurden die fremden – polnischen – Magnaten vertrieben und die verhassten Frondienste aufgehoben. Die Bauern konnten zum Acker zurückkehren und die Bürger und orthodoxen Kirchenvertreter schlossen sich ihnen an. Aber der feudale Bedarf an Grund und Boden blieb weiter attraktiv. Ein „verkosakierter“ Adel und die kosakische Heeresverwaltung bemühten sich nun selbst wieder um Grundbesitz. Die davon betroffenen Bauern gerieten nach und nach wieder in alte feudale Abhängigkeiten. An der Spitze des neuen administrativen Systems standen nun für fast 200 Jahre der aus den Kosakenheeren gewählte Kosakenrat und als deren Führer die Hetmane. Um die Verteilung von Land und Gütern gab es bald heftige auch kriegerische Auseinandersetzungen. Sie führten zu einer gewaltigen Verwüstung des ukrainischen Landes, bekannt unter dem Begriff des Ruins (Ruina).

Die Hetmane führten nicht nur untereinander sondern auch mit den umliegenden Regionen und Völkern Kriege. Aber sie suchten sich auch im Laufe des 17.–18. Jahrhunderts rundum Bündnispartner. Beim russischen Zaren, bei den bisher von ihnen bekämpften Polen und sogar bei Osmanen und Krimtataren. Dem Osmanischen Reich gehörten bereits weite Gebiet westlich und nördlich des Schwarzen Meeres: die Walachei, Moldau und das Chanat der Krim. Russland kontrollierte zumeist die dünn besiedelte an ihrer Grenze liegende linksufrige Ukraine (vom Djnepr aus betrachtet). Sie titulierten es als „kleinrussisch“, was bis heute für die meisten Ukrainer inakzeptabel ist. Polen behielt seine Vorherrschaft rechts des Djnepr gen Westen, aufgegliedert in zahlreiche Woiwodschaften mit Kiew, Braclaw, Wollynien und Podolien. Hier war im Unterschied zur katholischen Kirche eine neue „griechisch-katholisch unierte Kirche“ entstanden, die zwar orthodox, aber mit dem Papst in Rom verbunden war.

Im Nordischen Krieg (1700 bis 1721) ging es zwischen Schweden und Russland um die Kontrolle der Ostseeküste. Zunächst standen die Hetmane auf der Seite des Zaren Peter I. des Großen. Anstatt sich mit Hilfe Russlands gegen ihre traditionellen polnischen, tatarischen und osmanischen Feinde zu verteidigen, sollten nun die Hetmane für Russlands Großmachtinteressen im fernen Livland und Litauen gegen die modernen Waffen der Schweden unter Karl XII. antreten. Ivan Mazepa, einer der berühmten Hetmane der Ukraine, wechselte ganz einfach die Seiten, nachdem der schwedische König Karl ihm versichert hatte, er werde die Hetmane von Moskaus Herrschaft befreien. Karl unterlag 1709 in der großen Schlacht an der Poltava dem Russischen Reich. Aus Rache für den kosakischen „Seitensprung“ massakrierte der russische Kommandeur Alexander Menschikow kurzerhand 6000 Bewohner von Baturyn. Der Hetman Orlyk zog daraufhin mit einem Manifest im Westen Europas von Hauptstadt zu Hauptstadt – nach Frankreich, Polen, Schweden und zu den Osmanen -, um die Befreiung vom moskowitischen Joch zu erreichen. Erfolglos: Die ukrainische Autonomie verfiel zunehmend und wurde Opfer der Zentralisierungspolitik Russlands. Es begann die Zeit der Russifizierung. edda lechner

Quelle: Frank Golczewski, HRG: „Geschichte der Ukraine“, 1993
Bildquelle: By Vladimir Yaitskiy at flickr.com
https://www.flickr.com/photos/kronny/7403890562 
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