Mannheim: Ist die Gemeinschaftsschule schon wieder vergessen?

2008_11 Mannheim
Bildquelle: by enbodenumer at flckr.com

Wann werden aus der Pleite der Werkrealschule nachhaltig richtige Konsequenzen gezogen? Der Ausschuss für Bildung und Gesundheit des Gemeinderats sowie der Schulbeirat befassten sich am 25.6. drei Stunden lang und wegen der Wichtigkeit des Themas unter Vorsitz des Oberbürgermeisters persönlich mit einer Verwaltungsvorlage unter dem Titel: „Ergebnisse der Schulentwicklungskommission Weiterführende Schulen für eine nachhaltige und zukunftsfähige Schullandschaft“ (V269/2014). Entscheiden soll dann der Gemeinderat auf seiner letzten Sitzung in der auslaufenden Amtszeit am 10. Juli. Der Bildungsausschuss empfahl knapp mehrheitlich gegen die Stimmen von CDU und ML die Annahme durch den Gemeinderat. Die FDP enthielt sich.

Kernpunkt ist der Plan, fünf Werkrealschulen in Mannheim zu schließen und die Verwaltung zu beauftragen, die Genehmigung der zuständigen Schulaufsichtsbehörde einzuholen.

Betroffen sind die Schillerschule – Werkrealschule, Pestalozzischule – Werkrealschule, Geschwister-SchollWerkrealschule, Friedrich-EbertWerkrealschule, Konrad-DudenWerkrealschule. An allen diesen Schulstandorten gibt es parallel entweder Grundoder Realschulen. Es soll also kein Schulstandort aufgegeben werden.

Die Vorlage stellt eingangs fest:

„Die demografische Entwicklung in Baden-Württemberg, verändertes Schulwahlverhalten und zahlreiche bildungspolitische Reformen führten zu den wohl umfangreichsten Veränderungen der Schullandschaft der vergangenen Jahrzehnte. Nach dem Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung und dem damit gestärkten Schulwahlverhalten der Eltern, verbunden mit dem Trend zum höheren Schulabschluss, erhöhten sich die Anmeldezahlen an den weiterführenden Schulen mit Ausnahme der Werkrealschulen. Bereits seit 2004 verstärkt sich der überdurchschnittliche Rückgang der Anmeldezahlen drastisch. Deshalb erfolgte bereits 2009 in Mannheim eine Reduzierung der Werkrealschulstandorte von 20 auf 12.“ (Damals noch Hauptschulen, teilweise Weiterführung als Werkrealschulen).

Hintergrund ist der Rückgang der Übergangszahlen von der Grundschule auf die Werkrealschulen zwischen 2004/5 und 2012/13 um über die Hälfte. Die Unverbindlichkeit der Grundschulempfehlung beschleunigte den Trend, verursachte ihn aber nicht. Bis 2019 wird eine weitere Halbierung prognostiziert. Es ist eine „Abstimmung mit den Füßen“, wie der OB richtig feststellte. Der Schultyp Werkrealschule lässt sich nicht halten. Wenn nicht mindestens zwei Klassen je Jahrgang gebildet werden können, kann die Qualität nicht mehr gehalten werden. Es wäre eine unverantwortliche Vergeudung von Schulund Lehrerressourcen.

Anderthalb Jahre lang hatte eine vom OB eingesetzte Schulentwicklungskommission aus Schulund Schulamtsvertretern, den bildungspolitischen Sprechern der Fraktionen, Elternbeiratsund Personalratsvertretern und der GEW sich mit der Entwicklung der Werkrealschulen, der Realschulen und der Gymnasien in Mannheim befasst und die Schulschließungen von Werkrealschulen quantitativ wie dann auch standortbezogen diskutiert. Dabei spielten Kriterien wie Schülerzahlen, Bausubstanz, getätigte und anstehende Investitionen eine Rolle, wie auch Erreichbarkeit der Schulen. Die Schließungen sollen in Form eines drei Schuljahre langen Auslaufens vollzogen werden. Die freiwerdenden Kapazitäten sollen meist für die Überführung der Parallelschule in Ganztagesbetrieb genutzt werden. Teilweise geht es auch um Schulneubauten oder Generalsanierung der verbleibenden Schulen. Es geht also auch um die Beendigung einer jahrelangen Ungewissheit über Investitionsentscheidungen. Insofern werden die anvisierten Schließungen sogar von den betroffenen Schulen teilweise begrüßt.

Weder „nachhaltig noch zukunftsfähig“

Der Verwaltungsvorschlag ist durchaus durchdacht und reagiert auf die festgestellte Entwicklung. Würde die Stadt nicht reagieren, würde das Regierungspräsidium / Oberschulamt ersatzweise nach seinen Vorstellungen durchgreifen. Die Schließungen sind jedoch insoweit konzeptionslos, weil sie das Grundproblem nicht angehen. Wenn die Eltern die Werkrealschulen z.B. angesichts der Schlechterstellung bei der Ausbildungsplatzsuche zunehmend ablehnen und höherwertige Abschlüsse für ihre Kinder anstreben, sind weder die Realschulen noch die Gymnasien auf die Herausforderungen durch Schüler, die früher eigentlich Hauptschüler gewesen wären, eingestellt. Es braucht erweiterte Lehrerkompetenzen in den weiterführenden Schulen, mehr individuelle Fördermöglichkeiten, Ganztagesbetrieb. Und das Ganze auch noch inklusiv.

Die Aufgabe, die sich z.B. den Realschulen damit stellt, ist genau diejenige, welche Gemeinschaftsschulen auszeichnet. Nur will dies niemand zugeben. Die grün-rote Landesregierung spricht nun von einem „zweigliedrigen“ Schulsystem: Realschulen und Gymnasien. Die Realschulsäule soll auch den Hauptschulabschluss bieten, aber auch zur Hochschulreife führen. Das Gymnasium soll daneben seine unveränderte Existenz weiterführen können. Es ist die Kapitulation vor einer anstehenden grundlegenden Schulreform. SPD und Grüne, die einst auch für die Gemeinschaftsschule eintraten, haben die Köpfe eingezogen. Schlechte Erfahrungen mit einem Bürgerentscheid in Hamburg, erregter Widerstand der gutbürgerlichen Kräfte – all dies motiviert sie nicht, das Unvermeidliche anzugehen.

Die Gemeinschaftsschule muss die Orientierungslinie werden

Der Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz, der nun in die Debatte eingriff, ließ so manche Erkenntnis in dieser Richtung durchschimmern, wenn er einen ZEWWissenschaftler zitierte, der da meint, die zweite Säule neben dem Gymnasium sei nur noch mit Abitur denkbar. Und er verwies auf die IGMH, die deswegen so beliebt sei, weil sie nicht vorschnell weiterführende Optionen abschneide. Und genau darum gehe es, allen Schülern alle Optionen offen zu halten. Eine stabile Werkrealschule sei eine Illusion. Neben dem Gymnasium gebe es später nur noch eine echte und eine unechte Gemeinschaftsschule.

Dieses Votum richtet sich eindeutig, aber nicht konsequent gegen selektive Schulsysteme, ohne eine praktikable und logische Konsequenz Richtung Gemeinschaftsschule zu ziehen.

Der OB intervenierte gegen den Vorschlag des Dezernats und damit der Schulentwicklungskommission mit folgendem Vorschlag: Für die Standorte Ebert und Geschwister Scholl solle bis Ende des Jahres entschieden werden, ob an diesen Standorten weiterführende Schulen eingerichtet werden „als Verbund-, als Realoder als Gemeinschaftsschulen“. Diesem Vorschlag folgte der Ausschuss.

Nicht zu vergessen: Drei Werkrealschulen hatten auch Pläne und vor allem die Bereitschaft geäußert für die Errichtung von Gemeinschaftsschulen(Humboldt-, Dudenund Pfingsberg-Schule). Es besteht also die Option auf fünf Gemeinschaftsschulen.

Die Linke wird hier nicht locker lassen. Die geplanten und weitere Werkrealschulschließungen sind zwar unvermeidlich, aber sie sind keine Lösung!

Der neue Gemeinderat in seiner PattZusammensetzung lässt da keine neuen Impulse der großen Parteien erwarten. Aber man soll nie Nie sagen!

thomas trüper

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: