Standortdebatte

Wie gestaltet sich die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland aus der Sicht von Kapital und Arbeit? Dazu dokumentieren wir aus einer Stellungnahme der IG Metall sowie aus einem Bericht der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften.

Dokumentiert: IG Metall fordert eine aktive Industriepolitik

Um den Standort Deutschland und die Beschäftigung dauerhaft zu sichern, fordert die IG Metall eine aktive Industriepolitik. Aber: Sie stellt nicht nur Forderungen auf, sondern beteiligt sich auch. Eine aktive Rolle spielt die IG Metall bereits bei der Nationalen Plattform Elektromobilität und im Bündnis für Industrie. Deutschland ist auf einem gutem Weg beim Thema Elektromobilität ganz vorne mitzumischen: 17 Fahrzeugmodelle deutscher Hersteller mit standardisierter Ladeschnittstelle entstanden in den vergangenen vier Jahren. Weitere 12 Modelle sind von den Herstellern für nächstes Jahr angekündigt. Das sichert die Zukunft des Industriestandorts Deutschland,

sagen Politik und Wirtschaft. Und: Das sichert Arbeitsplätze, sagt die IG Metall. Die Idee dahinter: die Nationale Plattform Elektromobilität (NPE). Ihr Credo: Deutschland soll bis zum Jahr 2020 nicht nur zum Leitmarkt, sondern auch Leitanbieter für Elektromobilität werden.

Von Anfang an dabei

Die IG Metall saß von Anfang an – seit 2010 – mit Wirtschaft, Wissenschaft und Politik am Steuer. Denn bereits bei der Gründung der NPE war klar: Der Übergang vom Verbrennungsmotor zur Elektromobilität verändert nicht nur die Automobilbranche sondern die gesamte Metallund Elektroindustrie.

Und nur wenn die gesamte Produktion von der Batterie bis zum Elektroauto in Deutschland bleibt, kann Beschäftigung dauerhaft gesichert werden.

Die NPE zeigt, was die IG Metall schon lange fordert: Dort wo der Dreiklang zwischen Politik, Wirtschaft und Gewerkschaft stimmig klingt, passiert etwas. 17 Milliarden Euro aus der Industrie und 1,5 Milliarden Euro aus der Politik fließen in die Forschung und Entwicklung der Elektromobilität und damit in die Sicherung des Standorts Deutschland.

Motor für gute Arbeit

Die NPE ist ein industriepolitisches Beispiel, das Schule machen könnte.

Denn: Der demografische Wandel, der Fachkräftebedarf, die Digitalisierung, die Energiewende und der Investitionsstau stellen Deutschland vor große Herausforderungen. „Diese zu meistern ist eine gesellschaftliche Aufgabe und kann nur gelingen mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung von Staat, Arbeitgebern und Gewerkschaften“, sagt Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler und Leiter der Grundsatzabteilung der IG Metall.

Um diese Herausforderungen zu meistern, hat die IG Metall die Initiative ergriffen und gemeinsam mit dem Bundeswirtschaftsministerium und dem Bundesverband der deutschen Industrie ein „Bündnis für Industrie“ initiiert. Es ist ein Bündnis für gute Arbeit, Wachstum und Wohlstand. Kompetenzen sollen gebündelt und Netzwerke geschaffen werden, um unsere Industrie modern zu gestalten.

Die Rolle der IG Metall

Eine moderne Industriepolitik funktioniert nur mit einem Wirtschaftsund Wettbewerbsmodell, das nicht billiger, sondern innovativer und besser ist und das nicht kurzfristig, sondern nachhaltig agiert. „Dabei will die IG Metall eine starke, aktive Rolle im industriepolitischen Prozess spielen“, betont Politikwissenschaftler Schroeder.

Eine aktive Rolle spielt die IG Metall bereits innerhalb der NPE oder im Bündnis für Industrie. Aber auch Vertrauensleute, Betriebsräte und Mitglieder sind jeden Tag in den Betrieben Gestalter einer nachhaltigen Industriepolitik. Und die Gewerkschaft ist immer dann gefragt, wenn finanzmarktgetriebene Unternehmenssteuerung oder neoliberale Wirtschaftspolitik gewachsene, leistungsfähige, innovative Arbeitsplätze und Gute Arbeit bedrohen. „Die IG Metall vertritt die Interessen der Beschäftigten in diesem Strukturwandel“, betont Schroeder

Was leisten Staat und Unternehmen?

Noch vor 20 Jahren galt in Deutschland die Industrie als Auslaufmodell, heute zeigt sich ein völlig anderes Bild. Als um das Jahr 2000 die Dotcom-Blase platzte, zerplatzte auch das naive Ideal der Dienstleistungsgesellschaft. Das Festhalten an der sogenannten „Old Economy“ hat Deutschland Stabilität gebracht.

Heute weiß jeder: Dienstleistungsberufe sind nicht anstelle der Industrie entstanden, sondern als ihr wesentlicher Teil. Gut 3,7 Millionen Beschäftigte arbeiten in Betrieben der Metallund Elektroindustrie. Der Anteil der Industrie an der Bruttowertschöpfung liegt bei rund 25 Prozent. Und nach wie vor ist der Industriesektor für 40 Prozent des Produktionswerts verantwortlich. Rechnen wir die produktionsnahen, industriellen Dienstleistungen hinzu, dann hängen rund 60 Prozent des Produktionswerts direkt oder indirekt von der Industrie ab. Das Zahlenspiel verdeutlich: Wer die Zukunft der Industrie sichert, sichert die Zukunft Deutschlands. Das ist keine Banalität. Politik und Wirtschaft müssen einiges dafür tun, damit unsere Industrie weiterhin wettbewerbsfähig bleibt.

Mehr Investitionen

Deutschlands Investitionsquote ist in den letzten 20 Jahren zurückgegangen und im internationalen Vergleich zu gering. Höhere Investitionen sind sowohl eine Aufgabe des Staats als auch der Unternehmen. Der Staat muss für stabile wirtschaftsund industriepolitische Rahmenbedingungen sorgen. Dabei hat die IG Metall ganz konkrete Forderungen an die Politik:

  • Die digitale Infrastruktur muss schnell aufgebaut werden
  • Investierende Unternehmen müssen gezielt gefördert werden, denn verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten oder Investitionszulagen für Investitionen können zum Gelingen der Industrie 4.0 beitragen
  • Ein New Deal für Technologie- und Investitionsförderung sollte daher elementarer Bestandteil des Bündnisses für Industrie sein.

„Von den Unternehmen erwarten wir, dass sie gemeinsam mit uns Beschäftigung und gute Arbeitsbedingungen als Basis einer starken Industrie sozialpartnerschaftlich gestalten und dass sie in den Standort Deutschland und die Qualifizierung der Beschäftigten investieren“, sagt Schroeder.

Mehr Bildung

Industriepolitik heißt auch Fachkräftepolitik. „Fachkräfte sind der Motor von Innovationen. Sie schaffen reale Werte und sichern das wirtschaftliche Wachstum sowie den gesellschaftlichen Wohlstand unseres Landes und sind damit für den Fortschritt der Gesellschaft unerlässlich“, sagt Schroeder. „Es ist unser Ziel, den demografischen Wandel und die Zukunft der Arbeit so zu gestalten, dass neue Chancen für sozialen Aufstieg, gute Arbeit, bessere Bildung, eine neue Balance von Arbeit und Leben sowie mehr Beteiligung entstehen.“

http://www.igmetall.de/standortdeutschland-14961.htm

 

Deutsche Akademie der Technikwissenschaften acatech. Dossier Zukunft des Industriestandortes – Abschlussbericht Industrie 4.0.

Der Vorstandskreis der Plattform Industrie 4.0. gibt Anstoß und Unterstützung für strategische und politische Aktivitäten sowie die Bestätigung von Grundsatzentscheidungen. Im Vorstand befinden sich u.a.: Dr. Terwiesch (Vorsitzender) ABB AG; Deutsche Telekom, Hewlett-Packard GmbH, IBM, Robert Bosch Industrietreuhand GmbH & Co. KG, Siemens AG, SAP Deutschland AG & Co. KG, acatech, ThyssenKrupp AG, VDMA, BITKOM, ZVI, VW.

„Deutschland ist einer der konkurrenzfähigsten Industriestandorte und gleichzeitig führender Fabrikausrüster weltweit. Das liegt nicht zuletzt an der Spezialisierung auf die Erforschung, Entwicklung und Fertigung innovativer Produktionstechnologien und der Fähigkeit komplexe industrielle Prozesse zu steuern. Mit seinem starken Maschinenund Anlagenbau, seiner in ihrer Konzentration weltweit beachtlichen IT-Kompetenz und dem Know-how bei Eingebetteten Systemen und in der Automatisierungstechnik verfügt Deutschland über beste Voraussetzungen, um seine Führungsposition in der Produktionstechnik auszubauen. Nach Mechanisierung, Elektrifizierung und Informatisierung der Industrie läutet der Einzug des Internets der Dinge und Dienste in die Fabrik eine 4. Industrielle Revolution ein. Unternehmen werden zukünftig ihre Maschinen, Lagersysteme und Betriebsmittel als Cyber-Physical Systems (CPS) weltweit vernetzen.

Diese umfassen in der Produktion intelligente Maschinen, Lagersysteme und Betriebsmittel, die eigenständig Informationen austauschen, Aktionen auslösen und sich gegenseitig selbstständig steuern. So lassen sich industrielle Prozesse in der Produktion, dem Engineering, der Materialverwendung sowie des Lieferkettenund Lebenszyklusmanagements grundlegend verbessern. In den neu entstehenden Smart Factory herrscht eine völlig neue Produktionslogik: Die intelligenten Produkte sind eindeutig identifizierbar, jederzeit lokalisierbar und kennen ihre Historie, ihren aktuellen Zustand sowie alternative Wege zum Zielzustand. Die eingebetteten Produktionssysteme sind vertikal mit betriebswirtschaftlichen Prozessen innerhalb von Fabriken und Unternehmen vernetzt und horizontal zu verteilten, in Echtzeit steuerbaren Wertschöpfungsnetzwerken verknüpft – von der Bestellung bis zur Ausgangslogistik. Gleichzeitig ermöglichen und erfordern sie ein durchgängiges Engineering über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg. Das Potenzial von Industrie 4.0 ist immens: Die Smart Factory kann individuelle Kundenwünsche berücksichtigen und selbst Einzelstücke rentabel produzieren.

In Industrie 4.0 sind Geschäftsund EngineeringProzesse dynamisch gestaltet, das heißt, die Produktion kann kurzfristig verändert werden und flexibel auf Störungen und Ausfälle, zum Beispiel von Zulieferern, reagieren. Die Produktion ist durchgängig transparent und ermöglicht optimale Entscheidungen. Durch Industrie 4.0 entstehen neue Formen von Wertschöpfung und neuartige Geschäftsmodelle. Gerade für Start-ups und kleine Unternehmen bietet sich hier die Chance, nachgelagerte Dienstleistungen zu entwickeln und anzubieten.

Industrie 4.0 leistet darüber hinaus einen Beitrag zur Bewältigung aktueller Herausforderungen wie Ressourcenund Energieeffizienz, urbane Produktion und demografischer Wandel.

Ressourcenproduktivität und -effizienz lassen sich in Industrie 4.0 fortlaufend und über das gesamte Wertschöpfungsnetzwerk hinweg verbessern. Arbeit kann demografie-sensibel und sozial gestaltet werden. Die Mitarbeiter können sich dank intelligenter Assistenzsysteme auf die kreativen, wertschöpfenden Tätigkeiten konzentrieren und werden von Routineaufgaben entlastet. Angesichts eines drohenden Fachkräftemangels kann auf diese Weise die Produktivität älterer Arbeitnehmer in einem längeren Arbeitsleben erhalten werden. Die flexible Arbeitsorganisation ermöglicht es den Mitarbeitern, Beruf und Privatleben sowie Weiterbildung besser miteinander zu kombinieren und erhöht die Work-Life-Balance. Der globale Wettbewerb in der Produktionstechnik nimmt zu. Neben Deutschland haben auch andere Länder den Trend zur Nutzung des Internets der Dinge und Dienste in der industriellen Produktion erkannt. Nicht nur Konkurrenten aus Asien setzen die heimische Industrie unter Druck, auch die USA wirken ihrer eigenen De-Industrialisierung mit Förderprogrammen zum „advanced manufacturing“ entgegen.

Damit die Transformation der indus-
triellen Produktion hin zu Industrie 4.0 gelingt, sollte Deutschland eine duale Strategie verfolgen: Die deutsche Ausrüsterindustrie soll weiterhin führend auf dem Weltmarkt bleiben, indem sie durch das konsequente Zusammenführen der Informationsund Kommunikationstechnologie mit ihren klassischen Hochtechnologieansätzen zum Leitanbieter für intelligente Produktionstechnologien wird.

Gleichzeitig gilt es, neue Leitmärkte für CPS-Technologien und -Produkte zu gestalten und zu bedienen. Um diese Ziele der dualen CPS-Strategie zu erreichen, sind folgende Charakteristika von Industrie 4.0 zu verwirklichen:

  • _ Horizontale_ Integration_ über_ Wertschöpfungsnetzwerke
  • _ Digitale_ Durchgängigkeit_ des_ Engineerings über die gesamte Wertschöpfungskette
  • _ Vertikale_ Integration_ und_ vernetzte Produktionssysteme. Der Weg zur Industrie 4.0 erfordert in Deutschland enorme Anstrengun gen in Forschung und Entwicklung. Um die duale Strategie umsetzen zu können, besteht Forschungsbedarf zu der horizontalen und vertikalen Integration von Produktionssystemen sowie zur Durchgängigkeit des Engineerings. Darüber hinaus sind die neuen sozialen Infrastrukturen der Arbeit in Industrie 4.0-Systemen in den Blick zu nehmen und CPS-Technologien weiterzuentwickeln.

http://www.bmbf.de/pubRD/Umsetzungsempfehlungen_Industrie4_0.pdf

Bild: Aktenordner von Tim Reckmann auf flickr.com
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