Wer redet hier eigentlich vom „Heiligen Krieg“? Eine kleine Begriffsgeschichte

Viele Menschen reagieren mit Empörung auf die Angriffe der islamistischen IS-Milizen im Irak und Syrien, die über Menschen herfallen, die in ihren Augen „Ungläubige“ und „Feinde Allahs“ sind. Die Taten der Anhänger dieses neuen Kalifats zur Ausbreitung des Islam werden hierzulande mit „Dschihad“ übersetzt und als „Heiliger Krieg“ von ihnen selbst begründet. Zeitgleich findet in den hiesigen Medien ein Kampf um die Köpfe statt, ob und wie der „säkular aufgeklärte Westen“ gegen solch einen „religiösen Wahn“ und überhaupt gegen den „reaktionären Islam“ einschreiten soll. Aber hat das überhaupt noch mit Religion zu tun, was wir da sehen, fragen sich kritische Menschen, die erschüttert sind von Berichten über grauenhafte Handlungen der IS-Kämpfer? Ist der Islam wirklich grundsätzlich durch derartige „Heilige Kriege“ mit solchen schrecklichen Taten vorprogrammiert? Findet man also doch im Christentum die bessere, friedlichere Religion oder betrieb auch sie von Anfang an solch „Heiligen Krieg“?

Schauen wir einmal genauer hin auf die Begriffe des Dschihad und des „Heiligen Krieges“. Unsere kleine Untersuchung ihrer Geschichte in beiden Religionen soll helfen, ein wenig mehr Klarheit über diese Fragen zu bekommen.

„Dschihad“ — ein „Heiliger Krieg“ des Islam?


Die Vokabel „Dschihad“ findet sich im Lexikon als Verbform „dschahhaz“ für „vorbereiten“, „ausstatten“ und „ausrüsten“. In der Substantivform kann sie daher z.B. sogar auch „die Aussteuer“ bedeuten, steht aber ganz allgemein sinngemäß für „Anstrengung“ und „Kampf“. Der Begriff des „Heiligen“ ist darin überhaupt nicht enthalten. In den heutigen Leitmedien hat sich „Dschihad“ mit der Übersetzung „Heiliger Krieg“ bei uns eingebürgert. Das ist falsch. Der arabisch-islamische Begriff gibt diese Sinndeutung nicht her; er entspringt einer europäischen Begriffsdeutung. Untersuchen wir zunächst einmal, was „Dschihad“ in seinem arabischen Kontext für den Islam und seine Geschichte bedeutet hat.

Mohammed (570 bis 632), der Begründer des Islam, und seine Gefährten haben sich von Beginn an im religiösen wie im politischen Kampf mit ihren Gegnern auseinandersetzen müssen. Sein eigener Stamm der Koraischieten verjagte ihn aus Mekka. Nach Medina geflohen, suchte er sich unter befreundeten Stämmen und auch bei jüdischen Gruppen Anerkennung und Hilfe. In den normativen Quellen des Islam — dem Koran und der Hadith aus der frühislamischen Praxis — wird der „Dschihad“ dabei zunächst ganz individuell für die Gläubigen als „das Bemühen auf dem Weg Gottes“ interpretiert — heute von frommen islamischen Gläubigen als eine „vergessene Glaubenspflicht“ wieder entdeckt — und gleichzeitig als Pflicht der Gefährten verstanden, sich durch militärischen Kampf seiner realen Gegner zu erwehren. Es ergeht an alle Glaubensgenossen der Auftrag, den „Dschihad“ zu führen und sinngemäß werden dafür auch andere, ähnliche Worte und Begriffe verwendet. So in Sure 2, Vers 191: „Wenn sie euch töten, so tötet ihr sie“. Wenn die Gemeinschaft der Gläubigen für Gerechtigkeit auf Erden zu sorgen hatte, dann waren konsequenterweise die Anführer der feindlichen Streitkräfte „Gefolgsleute des Teufels“ und ein Kampf und Krieg zur Selbstverteidigung überlebensnotwendig.

Mohammed kehrt siegreich nach Mekka zurück und die Koraischieten übernehmen anstelle des arabischen Polytheismus den von Mohammed vertretenen alleinigen Gott Allah. Aber danach kehrt nun keineswegs Ruhe und Frieden ein, weder nach außen noch nach innen. In diesem geschichtlichen Prozess wandelte sich im Laufe der Jahrhunderte — wie wir bereits in der Buchbesprechung „Die unbekannte Mitte der Welt — Globalgeschichte aus islamischer Sicht“ von Tamim Ansary in den „Politischen Berichten“ im April 2011 dargestellt haben — der Begriff des Dschihad im Islam und der arabischen Welt erheblich. Nach der Eroberung der Stadt Mekka und dem dort errichteten religiösen Zentrum rund um den Kaaba-Stein ist es nun das erklärte Ziel Mohammeds, sämtliche arabischen Stämme im Islam zu vereinen und danach auch die christliche, jüdische und heidnische Welt für den islamischen Glauben in einem einigen Staatsgebilde zu gewinnen. Die dafür notwendigen Eroberungszüge werden als der neue Dschihad legitimiert.

Die den umliegenden von Feudalismus und Unterdrückung geplagten Völkern verkündete neue Moral der Gemeinschaft und Gerechtigkeit, des Anstandes und der Harmonie, der Gleichheit und des Mitgefühls sowie einer neuartigen Beteiligung an politischen Entscheidungen finden bei den unteren Schichten bald große Zustimmung. Zumal ihre religiösen Organisationen — vor allem bei Juden und Christen als geachtete Schriftreligionen — nicht angegriffen, sondern geduldet werden. Vom Staat bzw. dem Kalifat des Islam werden sie lediglich zu Abgabenzahlungen verpflichtet. Den Herrschenden allerdings, wenn sie sich nicht freiwillig unterwerfen, wird der Kampf angesagt. Und so breitet sich im Laufe weniger Jahrzehnte die islamische Religion und Herrschaft blitzartig über die ganze östliche „Welt der Mitte“ bis an die Grenzen Chinas aus, erreicht den Norden Afrikas und den südlichen Teil der westlichen Welt in Spanien, Frankreich und Italien. Dabei wird die militärische Eroberung — die „Einladung mit Hilfe des Schwertes“ — strikt von der religiösen Bekehrung getrennt.

Auch in der inneren Organisation und Struktur des Islam, vor allem bei der Errichtung eines einheitlichen Kalifats, bleibt der Auftrag zum Dschihad lebendig. Nach Mohammeds Tod im Jahr 632 übernehmen die nachfolgenden Kalifen dieses Prinzip der berechtigten Verteidigung fast „automatisch“, auch wenn der Kalif Omar im 7. Jahrhundert versöhnlerisch betont, dass „nach innen“ Frieden herrschen und die anfänglichen Stammeskriege aufhören sollen. Islamische Rechtsgelehrten kommen nicht darum herum, jetzt auch solche Kämpfe als berechtigt anerkennen, in denen sich verschiedene Fraktionen des Islam blutig gegenüber stehen. Die Ausgangsfrage: „wer soll Mohammeds Nachfolger sein?“ spaltete die islamische Welt der Gläubigen in zwei große Lager, die bis heute gültige Trennung zwischen Sunniten und Schiiten nimmt hier ihren Anfang. Sollte eher ein naher Verwandter Mohammeds oder lieber einer seiner ersten Anhänger dazu legitimiert sein? Nach arabischer Sitte wurden Erbrecht und Nachfolge der männlichen Verwandtschaft zugeteilt. Sollte nun jetzt lieber danach entschieden werden, wer ideologisch der treueste Gefährte Mohammeds gewesen war?

Einen Sohn hatte Mohammed nicht, so setzte sich bei den Sunniten zunächst sein Schwiegervater Abu Bakr, sein Cousin und Schwiegersohn und Otman und ein weiterer Verwandter Omar durch — alle waren sie aber auch treue Gefährten gewesen. Die Schiiten dagegen billigten nur die direkte Erblinie über Mohammeds Tochter Fatima hin zu den Enkeln Hassan und Hussein. Im blutig ausgetragenen Dschihad siegten zunächst die Sunniten. Im Laufe der Jahrhunderte wurden daraus ganz „gewöhnliche“ Kämpfe und Kriege von verschiedenen Dynastien wie die der Omajaden, Abbasiden, Fatimiden, Almohaden und von regionalen Herrschern in Damaskus, Bagdad, Kairo oder Granada. Der Begriff des Dschihad wurde dafür kaum noch verwendet. Nur in den vier verschiedenen Schulen der Rechtsgelehrten wurde darüber weiter heftig diskutiert.

Dschihad – ein Begriff wandelt sich

Als ab dem Jahre 1095 die europäischen Kreuzfahrer mordend und brennend in das damals wenig geeinte Reich der Muslime in Kleinasien und Palästina einfallen, kommt es zu einem Wiederaufleben des Dschihad-Gedanken. Saladin schaffte es — allerdings auch erst nach einem blutigen Massaker gegen die islamischen Fatimidenherrscher in Kairo — sein Volk gegen die Frandsch, die aus Franken, bzw. Frankreich stammenden Feinde in der Dynastie der Ajjubiden erfolgreich zu vereinen. Nach der bedeutenden Schlacht — dem Dschihad von Hattin (1187) — werden die „Ungläubigen“ vernichtend geschlagen und sind ein Jahrhundert später fast gänzlich aus dem arabischen Reich vertrieben. Nur als christliche Pilger dürfen sie weiterhin nach Jerusalem kommen.

Im 13. Jahrhundert fallen die Mongolen unter Dschingis-Khan und Tamerlan aus dem Osten in noch viel grausamerer und verheerender Weise als die Kreuzfahrer über die arabische Welt her. Zwar wird ihre Eroberung vor Syrien gestoppt, ihretwegen geraten aber die islamischen Juristen und Theologen in einen heftigen Streit über eine neue Deutung des Dschihad. Die theologisch komplizierte Lage: viele unter den Angreifern, zum Teil ganze Völkerschaften aus dem Osten, gehörten selbst dem Islam an. Daraufhin billigte der syrische Rechtsgelehrte Ibn Taimija einen Dschihad auch dann, wenn er gegen eigene Glaubensbrüder gerichtet war. Wenn diese Moslems sich in Wirklichkeit wie Ungläubige verhielten und somit Abtrünnige und Ketzer waren. Diese Ausnahmeregelung hatte in den folgenden 400 Jahren nach dem Überfall der Mongolen keine größere Bedeutung mehr. Aber in unseren Tagen wird diese Vorstellung erneut eindringlich von den Fundamentalisten und ihren verschiedenen Gruppierungen vertreten und umgesetzt.

Einige der modernen Gruppierungen der islamisch-arabischen Welt, die sich ab den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts unmissverständlich auf den Dschihad beriefen, waren die Muslimbrüder, die sich vorgenommen hatten, den Kampf gegen die kapitalistische und dekadente westliche Welt zu führen. Sie haben zahlreiche Nachahmer im heutigen Saudi-Arabien, Ägypten, Pakistan, Afghanistan und Palästina gefunden. Sie propagieren den politischen Mord und rufen zu Selbstmord-Attentaten auf, indem sie zu den fünf — seit Mohammeds Zeiten festgelegten — Säulen des Islam eine weitere hinzu erfinden: Der Dschihad ist nicht nur eine Pflicht für jeden Muslim, sondern er ist die sechste Säule des Islam und steht auf einer Stufe mit Gebet, Pilgerfahrt, dem Fasten, der Wohlfahrt und dem Bekenntnis zu Gott. Nach dieser Doktrin sind alle, die sich nicht am Glaubenskrieg beteiligen, Feinde des Islam. Solche Muslime dürfen folglich von den eigenen „wahren“ Glaubensgenossen getötet und vernichtet werden. Ab den fünfziger Jahren dieses Jahrhundert haben die Muslimbrüder in Ägypten allerdings die Abkehr von jeglicher Gewalt erklärt — was in der westlichen Welt aber kaum zur Kenntnis genommen wird.

Abschließend ist festzustellen: selbstverständlich gibt es im Koran, im Islam und in seiner geschichtlichen Wirklichkeit von Anfang an den Dschihad als eine Aufforderung zum politischen Kampf, ja Krieg, gegen seine Gegner und Widersacher. Der Begriff enthält die doppelte Bedeutung: die eines friedlichen Ringens um den persönlichen wahren Glauben, „zu versuchen, ein guter Mensch zu sein“ (der „Große Dschihad“) und die eines politischen gewaltbereiten Kampfes gegen die Ketzer und die Ungläubige in den eigenen Reihen und die sie bedrohenden Herrscher in aller Welt (der „Kleine Dschihad“). Aber das Wort „Heilig“ wird dabei auf jeden Fall nicht verwendet.

„Dschihad“ – ein „Heiliger Krieg“ auch im Christentum?

Anders als der Islam, der von Anfang an kriegerisch und erobernd auftritt, trat das Christentum von Jerusalem aus nur missionierend in Erscheinung. Die frühen Christen erwarteten nach der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu dessen baldige Wiederkehr im Jüngsten Gericht und damit die Endzeit der Welt. Als 70 nach Christus der jüdische Tempel in Jerusalem — in dem auch die Christen immer noch beteten und opferten — von den Römern zerstört wurde, brach die Endzeitstimmung zusammen. Die christlichen Gemeinden, nun klar von den jüdischen Gemeinden getrennt, wandten sich allen erreichbaren Menschen und Religionen des Römischen Reiches zu, um sie dauerhaft zu bekehren. Für 300 Jahre agierten sie als Minderheit — mit kaum mehr als 5% Anteil an der Bevölkerung — unter großen persönlichen Schwierigkeiten und hatten unter der Verfolgung durch die Kaiser des Römischen Reiches zu leiden. Dabei selbst Gewalt auszuüben, daran war gar nicht zu denken. Schließlich hatte doch Jesus in der Bergpredigt ihnen mit auf den Weg gegeben, sie sollten, würden sie auf die rechte Backe geschlagen, doch auch die andere noch hinhalten.

In dem vom Militär dominierten Imperium Romanum fanden sich bald zahlreiche heidnische Soldaten und Söldner aus aller Welt, die sich dem christlichen Glauben anschließen wollten. Die Gemeinden mussten sich jetzt die Gewissensfrage stellen: Kann und darf ein Christ überhaupt Soldat sein? Darf man folglich Soldaten in die verfolgten, geheimen und streng reglementierten Gemeinden aufnehmen? Die lapidare biblische Antwort „… lasst euch genügen an eurem Sold“ (Lukas 3, 14) half da nicht sonderlich weiter. Radikale christliche Gruppierungen verweigerten den Soldaten die christliche Taufe.

Als sich der spätere Kaiser Konstantin 312 im Kampf um die Herrschaft vor Rom ein christliches Zeichen auf die Fahnen heftete, änderte sich die Situation der christlichen Gemeinden und ihrer eher gewaltfreien Theologie grundlegend. Das Christentum wurde nun zur bevorzugten Religion und 372 schließlich anerkannte Staatsreligion. Massenhaft strömten Taufbewerber in die Kirchen. Ihre zuvor eingezogenen Güter an Häusern, Inventar und Spendensammlungen wurden ihnen zurückerstattet. Nicht nur dies: mit aufwendigen Geldern — vor allem für den Bau prächtiger Kirchen — unterstützten die Kaiser in Rom und Byzanz die neu gebildeten Diözesen von Trier bis Jerusalem. Die dortige Grabeskirche und die Hagia Sophia in Istanbul legen heute noch Zeugnis davon ab. Zu dieser neuen politischen Macht, zu der die Christen vom Bettler bis zum Kaiser jetzt selbst gehörten, mussten sie ein neues Verhältnis finden. Eine neue Deutung ihrer biblischen Tradition musste her. Und auf jeden Fall eine neue Deutung staatlicher und militärischer Macht. Das besorgte vor allem der prominenteste Theologe seiner Zeit, der Kirchenvater Augustin (354 bis 430). Er entwickelte die Theorie vom bellum iustum, dem „gerechten Krieg“. Das Römische Reich sei zugrunde gegangen, weil es nicht mehr gerecht vor Gott gehandelt habe. Das Christentum würde nun seine Stelle einnehmen und eine gerechte Herrschaft und die dazu notwendigen Kriege führen. Es galt, dem einzelnen Christen ein friedliches und gottwohlgefälliges Leben zu ermöglichen und zugleich dem christlichen Staat in seiner politischen und militärischen Macht die notwendige Gewalt zuzugestehen. Dafür konnte in der Bibel durchaus auch der passender Satz gefunden werden: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert!“ (Matthäus 10,34).

Ohne Skrupel hat die ab dem 6. Jahrhundert stark gewordene Römisch-Katholische Kirche unter der Leitung des Papstes ihre Heidenmission mit „Feuer und Schwert“ betrieben. Dazu nutzte sie opferbereite, fromme und gebildete Missionare wie Ansgar und Bonifa

tius für das Abschlagen der sakralen Eiche ebenso wie den Franken-Kaiser Karl den Großen für das Abschlagen der Häupter widersetzlicher Sachsen. Um das Jahr 1000 ging der Gründung von europäischen Staaten meist die Übernahme des Christentums, bzw. die Taufe des entsprechenden Herrschers voraus. In der Regel folgte ein entsprechender Krieg gegen die inneren regional bisher selbständigen Gruppierungen und die äußeren Feinde, deren Land man beanspruchte. Der Erfolg ist ein durch und durch christliches Abendland, für das der Theologe Thomas vom Aquin (1225 bis 1274) nun eine ausgetüftelte Theorie vom „gerechten Krieg“, vom „bellum iustum“, weiter entwickelt und systematisiert. Sie soll das Handeln frommer Fürsten als Kriegsherren und der für sie kämpfenden Soldaten erneut rechtfertigen und auf eine solide kirchlich-theologische Grundlage stellen. Wer Krieg führen will, dem muss nach dieser Lehre ein gerechter Grund (causa iusta) vorliegen. Legitimiert zur Kriegsführung ist allein die autorisierte politische Gewalt (legitima auctoritas). Ein gutes Ziel für einen Krieges ist, wenn eine gebrochenen Rechtsund Friedensordnung wiederhergestellt werden soll (intentio recta). Dabei soll die Verhältnismäßigkeit der kriegerischen Mittel bedacht sein (debitus modus).

Obwohl im Mittelalter die Übernahme des Begriffes „heilig“ in Kirche und Gesellschaft fast zur alltäglichen Selbstverständlichkeit wird (vom Heiligen Geist über die verehrten Heiligen bis zu den Heiligen Festen) und auch das in Europa in bestimmende Kaiserreich sich nach und nach selbst als „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“ beschreibt, kommt erstaunlicherweise dieser Begriff in Form eines „Heiligen Krieges“ nicht vor. Gerecht ja, aber heilig nicht. Noch nicht einmal in Verbindung mit den zahlreichen, oft exstatischen Aufrufen zu den Kreuzzügen. Die über drei Jahrhunderte hinweg gültige religiöse Parole, mit der Papst Urban II. um 1095 begonnen hatte, hieß „Deus lo volt!“ – „Gott will es!“ und war damals der gängige Ruf zu den „bewaffneten Wallfahrten“ ins „Heilige Land“. Den ungläubigen Moslems das „Heilige Grab Jesu“ zu Jerusalem wieder zu entreißen, das ist ein gerechter Krieg und dient der persönlichen Sündenvergebung, aber er war eben kein „Heiliger Krieg“.

Der protestantische Reformator Martin Luther (1483 bis 1546) hat mit seiner Zwei-Reiche-Lehre dieser mittelalterlichen Kriegstheorie und -praxis keineswegs widersprochen, sondern sie für den einzelnen Kriegsmann, der im Dienste der Obrigkeit steht, gewissermaßen seelsorgerlich aufbereitet. „… weil mein (militärischer Dienst-)Herr mich fordert und mein begehrt, so komme ich in Gottes Namen und weiß, dass ich Gott damit diene, und will meinen Sold verdienen oder nehmen, was mir dafür gegeben wird. Denn es soll ja ein Kriegsmann solch Gewissen und Trost mit sich und bei sich haben, dass er es schuldig sei und es tun müsse, damit er gewiss sei, dass er Gott drinnen diene und sagen könne: Hier schlägt, sticht, würgt nicht ich, sondern Gott und mein Fürst, deren Diener meine Hand und mein Leib jetzt ist.“ Luther bringt es 1526 — ein Jahr nach der Niederwerfung der Bauern — in dem Büchlein „Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können“ (1526) drastisch auf den Punkt: Der Soldat im Einsatz soll wissen: „Gott henkt, rädert, enthauptet, tötet und führt den Krieg“.

„Heiliger Krieg“ – ein Begriff des 19. Jahrhunderts

Im 18. Jahrhundert — der Zeit der Aufklärung — wird das deutsche Wort „heilig“ aus dem genuin religiösen Bezug herausgefiltert und mehr und mehr für die absolut und allgemein gültige Verbindlichkeit im säkularen Bereich verwendet. Der Begriff des „Heiligen“ wird im übertragenen Sinne zum absoluten sittlichen Prädikat einer Sache, zum vollendet Guten. Immanuel Kant nennt einen heiligen Willen den Willen, der aus Antrieb der Pflicht ohne Wanken dem moralischen Gesetz gehorcht. Nur dies ist der vollkommene moralische Wille und damit gut.

Nun dauert es nicht mehr lange, bis „endlich“ der Begriff vom „Heiligen Krieg“ auftaucht, erstmalig verwendet bei Friedrich Schiller, 1790. In seiner „Universalhistorischen Übersicht der merkwürdigen Staatsbegebenheiten zu den Zeiten Kaiser Friedrichs“ blickt er auf dessen mittelalterliche Kriege als auf „Heilige Kriege“ zurück. Wenig später schreibt der Theologe Friedrich Daniel Schleiermacher in seiner Schrift „Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ (1799) vom „Heiligen Krieg“. Er setzt sich dabei mit der bereits oben angeführten Bibelstelle auseinander: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert“ (Matthäus 10,34) und behauptet nun: „… diese heiligen Kriege, die aus dem Wesen seiner Lehre (nämlich Jesus als Religionsstifter) notwendig entstehen, hat er voraus gesehen, und indem er sie voraussah, befohlen.“

Nach der in Europa erfolgreich durchgeführten Französischen Revolution von 1789, der Zerschlagung des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ 1803 und dem Beginn der Napoleonischen Kriege erwächst unter deutschen Dichtern und Denkern die Hoffnung auf die Gründung einer deutschen Nation. Jetzt bekommt der Gedanke des „Heiligen Krieges“ durch Ernst Moritz Arndt (1769-1860) und Theodor Körner (1791-1813) Rückenwind. Diese zwei maßgeblichen Protagonisten der Anti-Napoleonischen Kriege schreiben Ermunterungslieder vor der Schlacht.

Körner reimt in seiner Gedichtsammlung „Leier und Schwert“:

„… Das höchste Heil, das letzte, liegt im Schwerte! / Drück‘ dir den Speer ins treue Herz hinein! – / Der Freiheit eine Gasse! – Wasch‘ die Erde, / dein deutsches Land, mit deinem Blute rein! / Es ist kein Krieg, von dem die Kronen wissen; / Es ist ein Kreuzzug. ‘s ist ein heil‘ger Krieg! …“

In den Bewegungen des 19. Jahrhunderts um die Herausbildung einer deutschen Nation wird in der Rückschau der Begriff vom „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ bedeutungsvoll aufgeblasen. Jetzt erst, nachdem es nicht mehr existiert und damit die religiöse ideologische Kuppel zerbricht, die seit dem Mittelalter alle gesellschaftlichen Bereich überspannt hatte, wird bewusst eine politische Diktion übernommen, in der das „Heilige“ nun zur Heiligung profaner gesellschaftlicher Vorgänge zur Verfügung steht und genutzt werden kann. Religion und Politik, Klerus, Bauern, Bürger, Adelige und die entstehende Arbeiterschaft finden sich in dieser neuen Ordnung jäh wieder: nebeneinander und als getrennt handelnde Akteure. Nun werden sie aufgerufen, sich doch neu zu vereinen. Jetzt im „Heiligen Krieg“ um die sich bildende neue deutsche Nation.

„Dschihad“ und„Heiliger Krieg“ im kulturellen Austausch

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts versuchen die europäischen Kolonialmächte neben den militärischen und wirtschaftlichen Sanktionen ihre Herrschaft auch durch Mission und zivilisatorische Maßnahmen zu festigen. Dabei ist es strategisch klug, wenn sie auch die Kultur der von ihnen unterworfenen z.B. muslimischen Völker kennen lernen und deren Religionen verstehen. In dieser Zeit kommt es zu einer gewissen Rückübertragung bestimmter nach ihrer Meinung „passender“ Begriffe. Davon berichtet Rudolph Peters in seinem Buch „Islam and Colonialism“. Als britische Militärs 1860 in Indien mit aufständischen Moslems konfrontiert werden, bezeichnen sie deren rebellisches Verhalten als „Holy War“. Die Folge war, dass nun auch muslimische Intellektuelle Elemente der lateinisch-christlichen Überlieferung auf den Dschihad anwendeten, um dadurch zu signalisieren, dass sie einen legitimen Verteidigungskrieg führen.

Friedrich Wilhelm Graf stellt in seinem Buch „Götter Global“ fest: „Die Wortverbindung „Heiliger Krieg“ ist europäischen Ursprungs; es gibt dazu in den Islamsprachen keine genaue Entsprechung. … In ideenpolitisch äußerst interessanten Austauschprozessen … nahmen muslimische Religionsintellektuelle nun Elemente der lateinischchristlichen bellum-iustum-Überlieferung (d.h. vom gerechten Krieg) auf und verstanden den Dschihad in diesem begrifflichen Rahmen als einen legitimen Verteidigungskrieg.“ So wird der Westen rückwirkend — „in dem als Heiliger Krieg legitimierten gewalttätigen Dschihad radikaler Islamisten … mit seiner eigenen Religionsund speziell auch Glaubensideengeschichte konfrontiert“.

Viele Assoziationen bis ins 20. Jahrhundert hinein kommen der Leserin und dem Leser beim Weiterdenken in den Sinn. Von „Weidmanns Heil!“ über „Heil Dir im Siegerkranz!“ bis „Heil Hitler“ ist die deutsche Sprachwelt angefüllt mit diesem schlimmen heiligen Erbe …

Und auf der eigenen, der linken Seite? Von solch sprachlicher Verherrlichung oder besser Verheiligung sind auch die linken sozialistischen Parteien, Gruppierungen und die internationale Arbeiterbewegung nicht verschont geblieben. Dafür ist Mao Zedong ein prominentes Beispiel. Als die chinesischen Kommunisten im Mai 1938 den Widerstandskrieg gegen die japanischen Eindringlinge zu organisieren begannen, schrieb er in seiner Schrift „Über den langwierigen Krieg“: „Die im Laufe der Geschichte geführten Kriege teilen sich in zwei Arten: in gerechte und ungerechte Kriege. Alle Kriege, die dem Fortschritt dienen, sind gerecht, und alle Kriege, die den Fortschritt behindern, sind ungerecht. … Unser Krieg ist ein heiliger, gerechter und fortschrittlicher Krieg für den Frieden — für den Frieden nicht nur in einem einzigen Land, sondern in der ganzen Welt, und nicht nur für eine kurze Frist, sondern für alle Zeiten. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir einen Kampf auf Leben und Tod führen, zu jedem Opfer bereit sein und bis zum Ende durchhalten, dürfen wir den Kampf nicht einstellen, bevor das Ziel erreicht ist.“ Eine Diktion, die von Körner und Arndt nicht wirklich weit entfernt ist.

Die Heiligung der Politik

Die große Versuchung der Heiligung von Politik bleibt vor allem in der westlichen Welt bis heute präsent. Auch in den gegenwärtigen bundesdeutschen Politikerreden lauert noch immer solch ein Heiligsprechen von politischem Handeln. Ist etwas „heilig“, so bedeutet das immer: Schluss der Debatte. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Das „Heilige“ ist nicht verhandelbar. „Gefallene“ deutsche Soldaten werden neuerdings wieder in Kirchen aufgebahrt und profan-sakral verabschiedet. So inszenierte der damalige Minister von Guttenberg sich 2010 als zivil-religiöser Priester der politischen „Gemeinschaft des deutschen Volkes“: „Soldaten, wir werden Euch vermissen. Und wer vermisst, vergisst nicht. … Soldaten! Seid in Gottes Segen geborgen“.

Und ausgerechnet in diesem scheinbar säkularisierten Westen wirft man den Moslems vor, ihren religiösen „Heiligen Krieg“ zu führen.

Quellen:
Rudolph Peters: Artikel „Dschihad“, in John L. Esposito (Hg.), 
„Oxford Encylopedia of the Modern Islamic World“, Volume 2, 
Oxford 1995, Seiten 369 bis 373
Friedrich Wilhelm Graf: „Götter Global“, München 2014

Tamim Ansary: „Die unbekannte Mitte der Welt“, Frankfurt 2010
Bild: Koran von suzanne chapman auf flickr.com
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