Köln stellt sich mehrfach quer

Der Streit in der Pegida-NRW eskalierte Anfang Januar. Kurzer Hand distanzierte sie sich von ihren örtlichen Ablegern Dügida (Düsseldorf), Bogida (Bonn) und Kögida (Köln). Was war passiert?

Anfang Oktober formierte sich in Dresden die Pegida-Bewegung u.a. in Reaktion der Angriffe von IS-Anhängern auf Kurden. Am 26. Oktober fand in Köln eine brutale und gewalttätige Demonstration von Hooligans und Neonazis mit der Bezeichnung Hogesa statt. 5 000 gewaltbereite Anhänger legten die Stadt lahm.

Die Pegida-Demonstrationen in Dresden verliefen dagegen friedlich. Dumpfe Islamfeindlichkeit, reaktionäre, rassistische und rechtsextreme Parolen prägen das Bild bis heute. Mit Worten aus der NS-Zeit (Lügenpresse) wird gespielt, die Demagogie ist vielfältig.

Extrem rechte Kräfte in den alten Bundesländern nutzten Ende letzten Jahres diese Entwicklung und gründeten landesweite und örtliche Pegida-Gruppen. Im ganzen Bundesgebiet formierte sich Protest gegen deren Aktivitäten. Antifa-Bündnisse wurden aktiv und schauten sich die örtlichen Veranstalter genau an: Anders als die Pegida-Bewegung in Dresden sind örtliche Gruppen in den alten Bundesländern zumeist von rechtsextremen Gruppen unterwandert und in NRW im festen Griff von pro nrw.

Kölner auf den Beinen gegen Rechts

Am 14. Dezember 2014 veranstalteten die Kölner Künstler um „Arsch huh“ ein großes Konzert in der Kölner Innenstadt als Gegenreaktion auf die gewalttätigen Ausschreitungen der Hogesa im Oktober. 15 000 Leute kamen. Gleichzeit war dies auch eine positive Antwort auf die islamfeindlichen Demonstrationen der Pegida-Bewegung. In Bonn und Düsseldorf veranstalteten örtliche Pegida-Gruppen erste Kundgebungen. Als kurz vor Weihnachten bekannt wurde, dass auch ein Kölner Ableger von Pegida für den 5. Januar 2015 zu einem „Spaziergang“ aufrief, wurden die örtlichen Bündnisse gegen Rechts aktiv. Gemeinsam, aber mit unterschiedlichen Aktionen zwischen Protest und Blockieren wurde mobilisiert.

Das Bündnis „Köln stellt sich quer“ schaltete zwischen den Feiertagen eine Facebook-Seite, die von 5000 Leute „geliked“ wurde. Mit einer gemeinsamen, gut besuchten Pressekonferenz wurde dann die Öffentlichkeit nach den Feiertagen mobilisiert. Weit über 10 000 Personen kamen zu den Protestaktionen. Der Deutzer Bahnhof war eingeschlossen, es bewegte sich nichts. Kögida konnte nicht laufen. Die Veranstaltung wurde nach einer Stunde abgebrochen. Ca. 500 Personen waren gekommen, viele aus dem Umland fuhren frustriert nach Hause. Die zwei Antifa-Bündnisse dagegen zogen über die Deutzer Brücke in die Innenstadt. Die Stadtgesellschaft war erfreut. Alles gut gelaufen. Kögida erklärte am nächsten Tag, nicht weiter in Köln zu demonstrieren.

Die Kölner waren erleichtert. Leider kam es anders: Nach den Morden in Paris übernahm die extrem rechte Gruppe pro Köln Kögida und erklärte kurzer Hand, man werde jetzt – zumindest bis Ende Februar – immer am Mittwoch statt am Montag demonstrieren.

Wir sind Charlie. Für Freiheit und Vielfalt!

Mit dieser Losung mo
bilisierte „Köln stellt sich quer“ nicht nur gegen den Kögida-Aufmarsch am 14. Januar in der Kölner Innenstadt, sondern rief zu einer Trauerkundgebung mit einem anschließenden Mahngang wegen Todesopfer in Paris auf. Dem Bündnis war klar, dass man inhaltliche Zeichen setzen muss, und lud den Schriftsteller Dr. Navid Kermani als einzigen Redner zur Kundgebung ein.4 Die Rede war aufrührend. Die Forderungen der Französischen Revolution für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ziehen sich durch die ganze Rede und sind für Kermani ein Schlüssel für das Engagement jedes Einzelnen.

Beindruckender als die FAZ-Redakteur Rossmann kann man es kaum schreiben: „Kermani spricht auf einem Platz, der einmal einer der dunkelsten Orte unsrer Stadt war, vor den Türen des EL-DE-Hauses, einst Sitz der Gestapo, die in den Kellern gefoltert und gemordet hat, und heute Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum ist. Und während im Hintergrund Martinshörner heulen und Blaulicht rotiert, weil gerade mal hundertfünfzig Pegida-Anhänger, aufgemischt von gewaltbereiten Hooligans, durch die Straßen stapfen und die halbe Innenstadt lahmlegen, gelingt es ihm, indem er die 6500 Gegendemonstranten in gespannter, konzentrierter Aufmerksamkeit hält, den finsteren Platz zum Leuchten zu bringen.“[1]

Navid Kermani: Aus seiner Rede bei der Trauerkundgebung für die Opfer der Pariser Anschläge auf dem Kölner Appellhofplatz, 14. Januar 2015

„Allein, Freiheit und Gleichheit sind noch nicht das ganze Erbe der französischen Revolution. Die letzten Tage haben uns daran erinnert, dass wir bei allen politischen Rechten und gesetzlichen Regeln immer auch das Moment der Brüderlichkeit im Blick haben müssen, der Empathie, des Einstehens für den Schwächeren, der Gastfreundschaft gegenüber dem Fremden, der Solidarität mit dem Verfolgten.

Das war der entscheidende zivilisatorische Durchbruch, der 1789 sicher noch nicht gelungen, aber doch begonnen wurde, die Übertragung des biblischen Gebotes der Nächstenliebe auf die gesellschaftliche Wirklichkeit: Nicht wir Franzosen und wir Deutschen, nicht wir Weißen über den Schwarzen, nicht wir Einheimischen über den Fremden, nicht die Männer über den Frauen, nicht wir Adligen und wir Bürger, nicht wir Kapitalisten und wir Arbeiter, nicht wir Christen, wir Juden und wir Muslime, nicht wir Europäer, wir Asiaten und wir Afrikaner – nein, wir Menschen. …
Wir wehren uns, ja – und wir hätten uns schon viel früher wehren müssen.

Denn die letzte Woche hat nicht nur eine unglaubliche Solidarität gezeigt – sie hat uns auch alle daran erinnert, dass Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit weder selbstverständlich noch kostenlos sind, dass wir immer wieder neu für sie eintreten, für sie kämpfen und sie notfalls sogar mit unserem Leben verteidigen müssen. Der Kampf gegen Unfreiheit und Gewalt findet nicht nur in Kobane oder Aleppo statt, nicht nur am 11. September 2001 in New York oder am 7. Januar2015 in Paris. Wir müssen für die Ideale der Gerechtigkeit, der Friedfertigkeit und der Toleranz jeden Tag eintreten, im Alltag, im eigenen Bekanntenkreis, am Arbeitsplatz oder in der Schule, in den Parteien, Gewerkschaften, Vereinen oder religiösen Gemeinden, und auch – das schätzen viele von uns leider zu gering – an den Wahlurnen, ganz besonders bei der gemeinsamen europäischen Wahl. Die letzte Woche hat uns daran erinnert, daß Europa zwischen Nationalisten hier und religiösen Extremisten dort zerrieben werden könnte, deren Hass sich gegenseitig hochschaukelt.“


[1] Rossmann, Andreas (16.01.2015): Navid Kermanis Koran-Exegese: Die islamische Bergpredigt steht in Sure 5,28, faz.net.

Bild: Köln stellt sich quer von SurfGuard auf flickr.com
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