Amazon: Der Kampf geht weiter …

Seit dem 9. April 2013 streiken immer wieder Beschäftigte bei Amazon für ihre Forderungen. Ziel ist ein Tarifvertrag mit Verdi, der die gängigen, regionalen Tarifregelungen des Einzelund Versandhandels beinhaltet. Neben der untertariflichen, oft nicht existenzsichernden Bezahlung bei Amazon spielen weitere Faktoren eine wichtige Rolle: geringe Wertschätzung, mangelnder Respekt und Dauerkontrollen der Beschäftigten, große Unsicherheiten für die vielen befristet Beschäftigten, Erhöhung der Löhne und Gehälter nach Gutsherrenart: Amazon entscheidet alleine, ob, wann und wie viel es mehr gibt. Ohne Gewerkschaft und ohne Tarifvertrag. Hoher Leistungsdruck unter ständiger Kontrolle und krankmachende Arbeitsbedingungen führen zu einem außergewöhnlich hohen Krankenstand von 15 bis 20 Prozent.

In Deutschland arbeiten in neun Versandhandelszentren ca. 15 000 Stammbeschäftigte, davon 9 000 unbefristet und 6bis 7000 befristet Beschäftigte sowie je „nach Bedarf“ ca. 14000 Saisonkräfte. Durch die Weigerung, den Einzelund Versandhandelstarifvertrag anzuwenden, „spart“ Amazon beträchtliche Personalkosten: Ein Einstiegslohn von 10,11 Euro bei Amazon bedeutet 1 698 Euro brutto Monatslohn – gegenüber 2.098 Euro, die den Beschäftigten tariflich zustünden. 400 Euro Weihnachtsgeld – statt 1.311 Euro tariflich, kein Euro Urlaubsgeld und 28 Tage Urlaub – statt 1.182 Euro und 30 Tage Urlaub nach Tarif, 38,75-Stundenwoche für die Gewerblichen / 40 Stunden für Angestellte und Azubis – statt 37,5 Stunden tariflich.

Amazon – ein globaler Gewerkschaftsgegner

120 000 Beschäftigte erarbeiteten 2013 einen weltweiten Umsatz von 56 Mrd. Euro. Das Vermögen des Gründers Jeff Bezos stieg seit 1994 durch ihrer Hände Arbeit auf ca. 25 Mrd. Dollar. In Deutschland wuchs der Umsatz zwischen 2010 und 2013 von 3,9 Mrd. auf 7,7 Mrd. Euro. Damit ist Amazon die absolute Nr. 1 im Online-Handel: das Dreifache an Umsatz gegenüber Otto und das Achtfache gegenüber Zalando, den beiden wichtigsten Konkurrenten hierzulande. Zum Zweck der „kreativen Steuervermeidung“ firmiert Amazon.de als hundertprozentige Tochter der europäischen Holding in Luxemburg. Ergebnis 2012: Bei 6,4 Mrd. Euro Umsatz in Deutschland wurde ein Vorsteuergewinn von ganzen 10,2 Millionen Euro und eine Steuerzahlung von

3,2 Mio. Euro ausgewiesen. Mit dieser wirtschaftlichen Macht und dem ständig steigenden Marktanteil im seit über einem Jahrzehnt stagnierenden Umsatz des Einzelund Versandhandels entscheiden die Arbeitsbedingungen und eine Tarifbindung bei Amazon auch über die Situation in der ganzen Branche.

22 Monate Streiks und Aktionen …

Inzwischen fanden von Verdi ausgerufene Streiks unterschiedlicher Dauer an den sechs Standorten Bad Hersfeld, Leipzig, Koblenz, Graben (Bayern), Rheinberg und Werne (beide NRW) statt. Die Struktur der Belegschaften erschwert Arbeitskämpfe. Derzeit beteiligt sich daran ungefähr ein Drittel, ein Drittel ist gegen Streiks, ein Drittel – vor allem die befristet Beschäftigten – hat zwar Sympathie für die Streiks, hofft jedoch auf eine Weiterbeschäftigung bei Nichtteilnahme. Bemerkenswert sind die Kontakte zu und Besuche bei Amazon-Belegschaften u.a. in Frankreich und Polen. Im Dezember 2014 streikte in Chalon-sur-Saône die Belegschaft – nach Verdi-Angaben aus Solidarität mit den Streikenden in Deutschland. In der Vorweihnachtszeit kam es zu den bislang massivsten Streiks – laut Verdi beteiligten sich 2.700 Beschäftigte. Amazon versuchte die auftretenden Lieferschwierigkeiten durch Verlagerung der Belieferungen in die Logistikzentren in Frankreich, Polen, Tschechien und England zu mildern. Hierzu die mit Vorsicht zu genießenden Amazon-Angaben: Es gab 20 Prozent mehr Bestellungen als im Weihnachtsgeschäft 2013, und die den Kunden garantierten kurzen Lieferfristen konnten eingehalten werden. Anderslautende Kundenäußerungen lassen dies eher als übliche „Arbeitskampfprosa“ erscheinen, wie man sie von Unternehmen kennt: keine Streikfolgen im Betrieb, zufriedene Kunden, steigende Umsätze, kurzum wirkungslose Streiks.

Die Streiks gingen auch im neuen Jahr weiter. Am 13. Januar rief Verdi in Leipzig die Beschäftigten zur Arbeitsniederlegung im laufenden Betrieb auf.

Eine wirksame, weil den Arbeitgeber mit seinen Führungskräften überraschende Aktion, die Schule machen sollte.

Solidarische Unterstützung – jetzt auch mit Postkarten

Zahlreiche Formen der Solidarität sind bisher entstanden: Leserbriefe, Blogs, Schreiben und Beschwerden an Amazon, Fahrten zu den Streikenden, Spenden und Veranstaltungen, Fahrten zu Amazon-Belegschaften in Frankreich, Polen und Tschechien. In Kassel organisiert ein reger Solidaritätskreis Aktionen vor Ort und anderswo. In Leipzig ist seit Langem ein „Solidaritätsbündnis“ aktiv. Aufsehen erregte am 7. November 2014 eine Drohne, die in Leipzig symbolisch einen Tarifvertrag brachte. Auch in Berlin ist ein Soli-Kreis aktiv und in anderen Städten entstehen welche, wenn auch noch wenige. Da könnte Verdi als Gewerkschaft mit all ihren lokalen und regionalen Gliederungen deutlich mehr tun. Eigenwilliges Verhalten von KundInnen verschafft Amazon Arbeit und Kosten: Bestellungen mit mehreren Artikeln werden ausgepackt, begutachtet und getrennt zurückgeschickt. Diese Retouren sind für alle Versandhändler ein Gräuel, da personalund sachkostenintensiv.

Schon über 35000 Menschen haben sich an einer Internet-Petition beteiligt, die der in Bad Hersfeld bei Amazon beschäftigte Christian Krähling, ein Verdi-Aktiver, ins Leben gerufen hat. (Siehe: http://kurzlink.de/change-amazon und http://www.change.org/amazon-sei-fair)

Am 2. Dezember 2014 wurde von ehemaligen Verdi-Gewerkschaftssekretären eine Postkartenaktion* für die Streikenden bei Amazon gestartet. 85 Erst-UnterstützerInnen aus vielen Teilen der Gesellschaft – bundesweit Prominente und lokal Aktive aus Wissenschaft, Politik und Kunst – rufen dazu auf, dem Deutschland-Chef von Amazon, Ralf Kleber, eine Postkarte zu schicken. Dadurch unterstützen sie Forderungen nach einem Tarifvertrag und die Kraft der Streikenden. Amazon soll so begreifen, dass es nicht nur mit den Streikenden und deren Gewerkschaft Verdi, sondern auch mit solidarischen Menschen aus der Zivilgesellschaft zu tun hat. Bekannte PolitikerInnen und Abgeordnete aus Bundestag, Europaparlament und Landtagen, darunter der Fraktionsvorsitzende der Grünen Anton Hofreiter und die stellvertretende Vorsitzende der Fraktion der Linken Sarah Wagenknecht, der AfA-Vorsitzende Klaus Barthel (SPD), der Vorsitzende der Linken Bernd Riexinger sowie die grünen Europa-ParlamentarierInnen Ska Keller und Reinhard Bütikofer, bekunden ihre Solidarität mit den Streikenden bei Amazon. Zu den ErstunterzeichnerInnen gehören auch engagierte Künstler wie der Theaterregisseur Volker Lösch, die Autoren Raul Zelik und Wolfgang Schorlau sowie zahlreiche ProfessorInnen wie Elmar Altvater und Bodo Zeuner, Ingrid Kurz-Scherf, Frank Deppe und Frigga Haug.

Neben diesen Solidaritätsaktionen aus der Gesellschaft bietet zunehmend auch Verdi Möglichkeiten zur Beteiligung an. KundInnen, die mit einer Amazon-Lieferung unzufrieden sind, können Retourenaufkleber (http://kurzlink.de/labournet-retour) ordern, die den Paketzustellern und den Beschäftigten, die den Amazon-Posteingang bearbeiten, wahrnehmbar zeigen, dass der Arbeitskampf von KundInnen zur Kenntnis genommen und unterstützt wird. Mitte Januar 2015 hat Verdi jetzt eine eigene Postkartenaktion zur Unterstützung der Streikenden gestartet. Angesichts der Bedeutung dieses Arbeitskampfes für die Beschäftigten, Verdi und die gesamte Branche Einzelhandel ist weitere Solidarität notwendig, auch um beispielhaft einen global agierenden Konzern zu resozialisieren. Motto: Phantasie an die Macht!

Auch der Autor dieses Textes gehört zu den Initiatoren. Inzwischen sind 40 000 Postkarten im Umlauf. Postkarten können bezogen werden bei: Redaktion express / AFP e.V., Niddastraße 64, 60329 Frankfurt; email: express-afp@ online.de; Tel. 069-679984; über eine Spende für Druckund Versandkosten würden wir uns freuen.

Bankver­bindung für Spenden: Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der politischen Bildung (AFP e.V.), Sparda-Bank Hessen, BIC: GENODEF1S12, IBAN: DE28 5009 0500 0003 9500 37; Stichwort: SoliPostkarte.

Weitere Informationen und Liste der UnterstützerInnen auf http://www.labour­net.de, Stichwort Amazon-Solidarität

Quelle: express, Zeitung für sozialistische Betriebsund Gewerkschaftsarbeit, 1/2015 
Bild: Amazon Packaging von Nic Taylor auf flickr.com.
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