CarSharing – ein Weg, Verkehrsflächen für andere Nutzungen zu gewinnen?

MÜNCHEN. In den Neunzigern wohnte ich zwei Jahre in der Türkenstraße. Ideal, so zentral gelegen! Eines Winters beobachtete ich, wie Schnee fiel und es sichtbar wurde, wann die parkenden Autos bewegt wurden: Einige wenige am ersten Tag, manche erst nach einer Woche – und manche standen mit der gleichen Schneehaube auch noch nach drei Wochen am gleichen Platz. Ich malte mir aus, dass die Hälfte der Autos für alle Fahrten der Anwohner locker ausreichen müssten. Das würde bedeuten, dass die Parkplätze auf der einen Seite der Straße ohne Probleme wegfallen könnten. Die Straße nur noch halb so zugeparkt, freier Platz für Fahrradfahrer, Kinderspielplätze, Bäume. Was für eine Aussicht.

Damals steckte das CarSharing noch in den Kinderschuhen, digitale Medien waren kaum in Gebrauch, das Internet erst am Anfang. Doch gerade in den letzten Jahren ist einiges in Bewegung auf dem CarSharing-Markt. Der Verband begrüßte den millionsten Kunden im letzten Jahr und die Autoindustrie entdeckt das Segment für sich, um auch in dichten Städten Mobilitätsangebote bereitzustellen und um jungen Menschen, deren Statussymbol sich vom Auto zum Handy verlagert, ihre Modelle nahezubringen und eine Markenbindung aufzubauen. Die Möglichkeiten der digitalen Suche und technischen Abwicklung trugen das Ihre zur Akzeptanz bei.

In München ist der Markt schon etwas unübersichtlich geworden mit vielen verschiedenen Anbietern und Modellen. So gibt es Anbieter wie Stattauto, Stadtteilauto, Flinkster und Citeecar, deren Autos an festgelegten Stationen oder Stadtteilen ausgeliehen und zurückgegeben werden können, während Autos von Car2go (Daimler) und Drive Now (BMW) stationsunabhängig auf öffentlichen Parkplätzen abgestellt werden können. Hinzu kommen private Anbieter, die ihr Auto auf OnlinePlattformen wie tamyca, carzapp oder Nachbarschaftsauto gegen Entgelt zur Verfügung stellen.

Trotzdemsindderzeitnur812CarSharing-Fahrzeuge in München verfügbar, das ist eine verschwindend geringe Anzahl, wenn man die münchenweiten Autozulassungen von 667.300 Autos (2011, Automobil Städtevergleich) betrachtet. Limitierender Faktor sind die verfügbaren Stellplätze. Die Stadt hat 2011 in einem Pilotprojekt Ausnahmegenehmigungen für das flexible Parken von CarSharing Fahrzeugen erteilt, die nun im 1. Quartal 2015 um ein weiteres Jahr verlängert wurden. Die Genehmigungen bedeuten, dass geparkt werden darf – dass auch genügend Parkplätze vorhanden, sind bedeutet es nicht. So sind neben den Anwohnern auch viele CarSharing-Nutzer auf leidiger Parkplatzsuche.

Die ÖDP hat im Oktober ein Antragspaket zur Förderung des CarSharings zur Flächengewinnung im Straßenraum auf den Weg gebracht* und die Verwaltung aufgefordert ein übergreifendes Konzept mit einem Bekenntnis zur Förderung von CarSharing mit klaren Zielen und Aufgaben zu erstellen. Die Datenerhebung der letzten Jahre über die Nutzung des CarSharings soll in die Entwicklung eines umfassenden Aktionsplans einfließen. Parklizenzvergabe soll an Bedingungen geknüpft werden, wie z.B. Zug-um-Zug gegen Rückgabe von Anwohnerparklizenzen, gegen Angebote auch in den Außenbezirken und bevorzugt in Straßen, die Flächenbedarf für den Ausbau des Radund Fußverkehrs aufweisen. Eine einheitliche, sichtbare Kennzeichung der Stellplätze soll ebenso angestrebt werden, wie eine intensive Öffentlichkeitsarbeit und Bewerbung.

Mit der Errichtung der ersten Mobilitäts-Station an der Münchner Freiheit beschreitet die Stadt einen weiteren Weg, CarSharing publik zu machen. Nach dem Vorbild von Bremen werden Mobilitätsangebote verknüpft. Neben der Benutzung von Trambahn, U-Bahn und Bus können dort CarSharingFahrzeuge ausgeliehen werden und bald auch Mietfahrräder. Weitere Mobilitätsstationen sind in Planung.

Auch auf Bundesebene werden der-
zeit Möglichkeiten erwogen, wie Car-
Sharing gefördert werden kann. Aus
der Presse ist zu entnehmen, dass Bun-
desminister Dobrindt derzeit einen Ge-
setzesentwurf mit Sonderrechten für
Carsharing-Autos erarbeitet. Mit dem
Gesetz solle die Grundlage geschaffen
werden, um Parkplätze für Carsharing-Fahrzeuge rechtssicher ausweisen zu können (was bislang rechtlich nicht möglich ist). Zudem soll es den Gemeinden ermöglicht werden, auf Parkgebühren bei diesen Fahrzeugen zu verzichten. Denkbar ist dabei eine Erweiterung des Ausnahmen-Katalogs im Straßenverkehrsgesetz um Parkmöglichkeiten für Carsharing-Fahrzeuge und die Ergänzung der Straßenverkehrsordnung. In der Praxis könnten die Kommunen dann Stellplätze ausweisen mit einem Verkehrszeichen ähnlich dem für Taxi-Haltestände.

Carsharing muss nach unserer Meinung so attraktiv werden, dass es sich für Münchnerinnen und Münchner lohnt, auf ein eigenes Auto zu verzichten. Verfügbarkeit, Nähe und günstige Buchung sind ausschlaggebende Punkte. Die Kosten dürften sich für viele sogar deutlich reduzieren. Außerdem kann davon ausgegangen werden, dass sich auch die Autofahrten insgesamt reduzieren werden, denn jedesmal, wenn eine Fahrt zu tätigen ist, wird darüber nachgedacht, welche Kosten dafür anfallen und ob es wirklich nötig ist, das mit dem Auto zu tun. Die nervige Parkplatzsuche wird vermindert und nebenbei erhöht sich die Aufenthaltsqualität in der Nachbarschaft mit reduziertem „ruhendem“ Verkehr, weniger Lärm und besserer Luft. Ein Grünstreifen in der Türkenstraße oder ein Radlschnellweg – dann würde ich mir sogar überlegen, von meinem heutigen Domizil am Stadtrand wieder in die Stadtmitte zu ziehen.

Bild: Scouter Carsharing von Bundesverband CarSharing e.V. (bcs) auf flickr.com.
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