Leider immer wieder aufs Neue: Antisemitismus im Fußball

Immerhin um die 40 Personen kamen bei klirrender Kälte am 6.2. in das gar nicht so zentral gelegene, aber sehr schöne Vereinsheim des TSV Maccabi München in München Riem. Eingeladen hatten die Löwen-Fans gegen Rechts, der TSV Maccabi München, der Kurt-Eisner-Verein sowie „Nie Wieder“ – eine Initiative für einenErinnerungstagimdeutschenFußball zum Thema „Zwischen Abgrund und Aufbruch – wie antisemitische Vorfälle im Fußball ein Ventil finden und wie man ihnen begegnen sollte.“ Referent war Ronny Blaschke, ein engagierter Sportjournalist, der bereits eine Reihe von Büchern zu rechtsextremistischen Einflüssen im Stadion im für seine kritische Fußballberichterstattung bekannten Werkstatt-Verlag veröffentlicht hat. Blaschke betonte dann auch, dass er in den letzten Jahren viele Veranstaltungen zu diesem Thema gehalten hatte, wobei die wenigsten Antisemitismus auf dem Schirm gehabt hätten. Rechtsextreme Ausfälle hätten sich eher in rassistischen oder homophoben Äußerungen gezeigt, während man Antisemitismus im Stadion eher als ein Phänomen der 80er Jahre und somit als abgehakt betrachtet habe. Dabei habe aber u.a. die Studie „Fragile Mitte“ der Friedrich-Ebert-Stiftung immer wieder gezeigt, dass sich antisemitische Ressentiments in der Gesellschaft auf einem durchaus erheblichem Maß halten konnten. Wieder in den Mittelpunkt gerückt sei das Thema dann vor allem durch mehrere Geschehnisse während des neuen Gaza-Krieges im Sommer vergangenen Jahres in Gestalt einer, zumindest nach Blaschke, relativ neuen Variante des Antisemitismus, nämlich des israelbezogenen Judenhasses. So wurde während des Gaza-Krieges ein Freundschaftsspiel zwischen Maccabi Haifa und dem OSC Lille in Österreich von Jugendlichen gestürmt, die Spieler mit brachialer Gewalt angegriffen und das Spiel zum Abbruch gebracht. In diesem Fall handelte es sich nicht um Rechtsextreme, sondern um Jugendliche mit arabischem Hintergrund. Generell werde diese „neue“ Variante eher in muslimischen Kreisen verortet.

Blaschke wies aber darauf hin, dass weiterhin 80 % aller antisemitischen Straftaten, die im Sommerquartal 2014, eindeutig keinen muslimischen Hintergrund hatten, wobei sich die Zahl dieser Straftaten während dieser Zeit, die eng mit dem Gaza-Krieg zuzsammenfiel, im Vergleich zum Vorquartal verdoppelt habe. Auch in den Stadien sei zu beobachten gewesen, dass sich vor allem Neonazis den Trend zu Nutze gemacht hätten. So sei in Dortmund die Parole

„Nie wieder Israel“ zu hören gewesen. Blaschke betonte, dass der Antisemitismus jedoch mitnichten eine neue Erscheinung in den Stadien ist, sondern analog zum gesellschaftlichen Antisemitismus in Wellenbewegungen verlaufen sei, und wie man am Gaza-Krieg und dessen oben beschriebener Spiegelung sieht, weiter verläuft. Der Begriff Jude galt und gilt in deutschen Stadien traditionsgemäß als Beschimpfung. Auch in der DDR wurde der von den Herrschenden massiv unterstützte Verein BFC Dynamo Berlin regelmäßig als „Juden Berlin“ verhöhnt. Nach der Wende sei vor allem Tennis Borussia Berlin ins Schussfeld geraten. Dieser Club war wesentlich von jüdischen Studenten gegründet worden und hatte geraume Zeit den bekannten Moderator Hans Rosenthal als Präsidenten. Während Dynamo in der Versenkung verschwand, schaffte TeBe in den 90er Jahren zwischenzeitlich den Aufstieg in die zweite Bundesliga. In jüngster Zeit war bei einem Spiel zwischen Eintracht Frankfurt und Dresden seitens der Dynamo-Fans fast eine Halbzeit lang durchgängig „Juden Frankfurt“ gesungen worden. In diesen Vorfällen deute sich aber auch eine Besonderheit des Antisemitismus gegenüber anderen Diskriminierungsformen an: Während insbesondere im Rassismus die Unterlegenheit des Diskriminierten betont würde, beruhe der Antisemitismus zumindest in einigen Spielarten auf einer vermeintlichen Überlegenheit des Judentums, das durch dunkle Machenschaften die Welt beherrsche. Allerdings sei zu beachten, dass Antisemitismus nur in seltenen Fällen isoliert vorkomme. Er gehe meist mit rassistischen, homophoben und sexistischen Einstellungen einher.

Blaschke vermutete zudem, dass das sog. „U-Bahnlied“ wohl allen im Saal bekannt sei. Seit den 80ern wird in diesem Lied eine U-Bahn vom Ort des gegnerischen Vereins nach Auschwitz gebaut. Niemand widersprach. Das Lied zeige, dass stärker als in anderen Bereichen der Gesellschaft der Holocaust kein Tabu sei. Vielmehr müsse man sich bewusst machen sich im Rahmen einer stark emotionsgeladenen und auch weiterhin sehr männerdominierten Atmosphäre zu bewegen. Dies gelte auch für den Amateurfußball, bei dem insbesondere die 37 Ortsvereine des Maccabi-Dachverbandes immer wieder Anfeindungen ausgesetzt seien. Erfreulich sei allerdings die Entwicklung des Verbandes, der mittlerweile 4000 Mitglieder zähle. Zu Gast waren Sportler aus Augsburg, die dort an der Gründung des 38. Ortsvereins arbeiten.

Generell sei zu beobachten, dass sich in den Kurven und auch auf offizieller Seite einiges tue. Blaschke hob hier auch die Vorreiterrolle der Löwenfans gegen Rechts hervor, die bereits seit Anfang der 90er Jahre aktiv sind. Aber gerade auch die „Schickeria“, der einflussreichste Bayern-Ultra-Verband, habe mit ihrem Engagement zur Erinnerung an den langjährigen Bayernpräsidenten Kurt Landauer viel bewirkt. Der DFB, der das Thema lange Zeit überhaupt nicht beachtet habe, zeige mit verschiedenen in Auftrag gegebenen Studien, einem regelmäßigen Austausch der Jugendnationalmannschaften mit Israel und der Einführung des Julius-Hirsch-Preises, der an einen von lediglich zwei jüdischen Nationalspielern in der Historie des DFB erinnert, viel Bemühen. Einig war sich Blaschke mit dem Publikum, dass insbesondere der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger hierfür eine wichtige Rolle gespielte hat. Mittlerweile gehöre es bei einigen Fangruppierungen zum festen Programm, bei Auswärtsfahrten Gedenkstätten in der Umgebung zu besuchen und eigene Erinnerungsveranstaltungen zu organisieren. Allerdings warf Blaschke auch einen kritischen Blick auf das rein historische Gedenken und warf in Anlehnung an Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu-AntonioStiftung, die von der deutschen „Sündengemeinschaft“ gesprochen hatte, die Frage auf, ob dieses Gedenken nach 70 Jahren nicht auch etwas sehr Wohlfeiles habe. Das Dilemma, dass es wichtig bleibt, die Erinnerung aufrecht zu halten, obwohl das Unbehagen an einer immer symbolischeren Politik wächst, wird wohl tatsächlich die antifaschistische Diskussion der nächsten Jahre begleiten müssen, hätte das Thema dieses Abends jedoch wohl gesprengt. Für den informativen Abend (und natürlich das sehr gute Buffet) sei Ronny Blaschke und insbesondere den Löwenfans gegen Rechts und dem TSV Maccabi herzlich gedankt.

Bild: Fussball von Michael E. auf flickr.com.
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