Highlight mit Schwachstellen

Nach langwierigen und mühsamen Auseinandersetzungen, die bei einigen von uns im Laufe der Jahre dafür gesorgt haben, dass die Haare schütter und schlohweiß wurden, ist es jetzt endlich gelungen, das NS-Dokumentationszentrum als Lernund Erinnerungsort zur Geschichte des Nationalsozialismus in unserer weiß-blauen Residenzstadt zu etablieren. Der Besuch des Gebäudes, das auf dem Grundstück des ehemaligen Braunen Hauses an der Brienner Straße 34 steht, ist ein Erlebnis. Sein Kubus wirkt wie ein Fremdkörper im Gelände, ein geglückter Störfall, der auffallend mit seiner Umgebung kontrastiert.

Der Gang durch die Ausstellung beginnt im obersten Stockwerk und das Anliegen, den Ablauf der Geschichte mit Ausblicken auf die realen Orte in der unmittelbaren Umgebung zu veranschaulichen, ist gelungen. Manches empfinde ich als ausgesprochen erfreulich. Bei der Auswahl der Personen, die beispielgebend für den Widerstand gegen das Aufkommen des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik auf Stelen vorgestellt werden, wird das Bemühen deutlich, über die Parteigrenzen hinweg allen, die sich der NS-Barbarei entgegen gestellt haben, gerecht zu werden.

Gut ist, dass die Ausstellung nicht 1945 ihren Abschluss findet, sondern die Zeit der gescheiterten Entnazifizierung und der Verdrängung thematisiert sowie die Aktualität der Auseinandersetzung mit unserer braunen Vergangenheit betont. Großartig ist, dass auf einem Newsticker über rechtsextreme Aktivitäten zeitgleich informiert wird. Damit wird deutlich, dass wir auch heute jeden Tag immer wieder aufs neue Stellung beziehen können und selbstverständlich müssen.

Ärgerlich ist, dass für mich, der sich mit einigen Feldern unserer Vergangenheit etwas näher beschäftigt hat, an verschiedenen Schwerpunkten der Ausstellung widersprüchliche, fragwürdige und falsche Behauptungen und Angaben zu lesen sind.

Gleich zu Beginn fällt auf, dass die Ursprünge der Geschichte des Nationalsozialismus im Ersten Weltkrieg liegen sollen. In den Archiven finden sich dagegen eine Fülle von Hinweisen dafür, dass die Grundlagen für die NS-Ideologie schon Jahre und Jahrzehnte früher geschaffenwurden.

München war, um nur ein Beispiel anzuführen, vor dem Ersten Weltkrieg ein Zentrum neuester Entwicklungen in der Psychiatrie. Hier wurde das Konzept der Eugenik Grundlage für die so genannte Euthanasie, wie die Nazis den Mord an „unwertem Leben“, an einer der größten Opfergruppen in München, euphemistisch bemäntelten. Ernst Rüdin war ab 1907 Assistent, ab 1909 Oberarzt und Privatdozent bei Professor Emil Kraepelin. 1905 gehörte Rüdin zu den Gründungsmitgliedern der deutschen „Gesellschaft für Rassenhygiene“ und war Herausgeber politik.
Darüber hinaus bin ich enttäuscht, dass meine erwarteten Befürchtungen tatsächlich eintreffen. Manche Autorinnen und Autoren fischen uralte, ideologisch eingefärbte Topoi aus der Mottenkiste einer längst überholten Historiographie heraus. Das steht wörtlich zu lesen:

„Nach der Ermordung Eisners verschärften sich die Spannungen zwischen dem radikalen und dem gemäßigten Flügel der politischen Linken. Zugleich formierten sich auf der Seite der politischen Rechten die Kräfte der Gegenrevolution. Die Regierung des vom Landtag gewählten Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann (MSPD) repräsentierte die gemäßigte Linke. Dagegen lehnten sich revolutionäre Kräfte auf, die am 7. April 1919 in München die ‚Baierische‘ Räterepublik ausriefen. Geführt von Sozialisten und humanistisch gesinnten Anarchisten hielt sich diese erste Räterepublik nur sechs Tage. Es folgte die zweite Räterepublik unter kommunistischer Führung, die eine Diktatur des Proletariats ankündigte und eine Rote Armee aufbaute.“

Bei uninformierten Besuchern verdichtet sich sofort der Gedanke, „O mei, wären diese radikalen Linken nicht so vorgeprescht mit dem Ausrufen ihrer Räterepublik, dann wäre uns dieser ganze faschistische Kram sicher erspart geblieben“. Und die Frage stellt sich sofort, wer sind denn die „nicht humanistisch gesinnten Anarchisten“?

Gegen die erste Räterepublik kam es zu einem erfolgreichen Putsch, ihre führenden Repräsentanten wurden verhaftet und entführt. Sie scheiterte also nicht aufgrund eigenen Versagens, was der Text suggeriert.

Genauso fragwürdig ist der Hinweis auf die geplante kommunistische „Diktatur“. Tatsache ist, die Kommunisten waren zunächst gegen die Ausrufung einer Räterepublik und sie sprangen erst nach dem Ende der sozialdemokratischanarchistischen Räterepublik in die Bresche, als die Weißen Truppen auf München zu marschierten. Es ging den Kommunisten darum, nicht kampflos zu kapitulieren, um die „Ehre des Münchner Proletariats zu retten“. Ihnen war klar, dass sie „Tote auf Urlaub“ waren.

Beim Text im NS-Dokumentationszentrum wird ein stereotypes Geschichtsbild festgeklopft, das den realen Bewegungen des wirklichen Lebens nicht entspricht. Ich

der Zeitschrift „Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie“. 1933 wurde er Kommissar des Reichsinnenministeriums für Rassenhygiene und Rassen denke mir, wenn sich in den eingeschränkten Feldern der Münchner Geschichte, in denen ich mich auskenne, solch gravierende ideologische Positionen durchsetzen, wie kann ich dann den Behauptungen trauen, die mir dort entgegen treten, wo ich mich nicht so auskenne.

Ideologie ist „falsches Bewusstsein“. Das Konzept des NS-Dokumentationszentrums will der Nazi-Ideologie etwas entgegen setzen. Ich behaupte, wer Ideologie mit Ideologie bekämpft, muss scheitern. Wäre es nicht viel sinnvoller, in einem „Lernort“ widersprüchliche Positionen zu benennen, um den Besuchern die Möglichkeit zu geben, kritisches Bewusstsein zu entfalten?

Schließlich wird im Bereich der Machtübergabe 1933 die heute völlig überholte Totalitarismus-Ideologie indirekt wieder aufgewärmt. Es heißt da:

„Die 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise erschütterte die wirtschaftli-
chen und sozialen Grundla-
gen der Republik. Die Wirtschaftspolitik der Reichsregierung verschärfte die
Krise noch weiter. Gewaltige
soziale Spannungen und tie-
fe kulturelle Gegensätze brachen auf. Massenverelendung und Proteststimmungen breiteten sich aus. Davon profitierten die Extreme des politischen Spektrums, am meisten die NSDAP …“

Dabei sprach Theodor Geiger schon 1930 von der „Panik des Mittelstands“ als zentralen Beweggrund der Machtübergabe an den Faschismus, wiesen schon in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren Insider auf die massive finanzielle Unterstützung der „Großen Industrie“ für die Nazis hin und hat Seymour Martin Lipset 1958 betont, dass der „extremism of the center“, der Extremismus aus der Mitte der Gesellschaft, die Basis für rechtsextreme, autoritäre Regimes bildet.

Dies empirisch nachzuweisen fällt leicht. Wir brauchen uns nur die Wahlergebnisse der frühen dreißiger Jahre ansehen. Ein überdurchschnittlicher Anteil an NS-Stimmen findet sich zum Beispiel in der Borstei, in der vor allem der aufstrebende bürgerliche Mittelstand Ende der zwanziger Jahre neue Wohnungen bezogen hat. In den Milieus der Arbeiterviertel können die Nazis dagegen kaum Fuß fassen.

Ähnlich problematisch ist der Text, der sich der „Freiheitsaktion Bayern“ 1945 widmet und behauptet, dass „die Freiheitsaktion Bayern (FAB) … eine kampflose Übergabe von Bayern … herbeiführen wollte.“ Die FAB wollte aber gemäß deren Programm lediglich einen Waffenstillstand mit den Alliierten vereinbaren. Auch gingen gegen die Aufständischen nicht nur „SS-Einheiten und fanatische Nationalsozialisten“, sondern auch Soldaten der Wehrmacht und vor allem Mitglieder des Volkssturms vor. Die Zahl der Opfer ist nicht „54“, sondern „57“, wie auch in einem Artikel im Lexikon der Vertiefungsebene des NS-Dokumentationszentrums zu lesen ist. Nach neuesten Erkenntnissen kommt sogar noch ein Opfer dazu.

Die Zahl der Menschen, die auf die FAB-Aufrufe reagiert haben, fehlt dagegen gänzlich: Es handelte sich dabei um rund 1 000 Menschen. Auch steht neben dem Bild von Caracciola-Delbrück, dass dieser „… standrechtlich erschossen“ worden sei. Tatsache ist, dass im Zentralministerium zu diesem Zeitpunkt nicht das notwendige Personal für ein Standgericht im Zentralministerium gewesen war. Die Hinrichtungen waren also auch nach damaliger Rechtslage willkürlich und ohne irgendeine rechtliche Grundlage.

Und: Wäre es nicht sinnvoller gewesen, statt des Flugblatts der Gauleitung, bei dem noch nicht einmal gesichert ist, dass es überhaupt verteilt wurde, das bemerkenswerte Programm der „Freiheitsaktion Bayern“ zu zeigen. Dessen Inhalt ist nachweislich aus der Aufstandsnacht erhalten und war, ebenfalls nachweislich, der zentrale Bestandteil der Rundfunkaufrufe der FAB.

Es bleibt uns nichts übrig als noch einmal genauer hinzusehen, die Schwachstellen der Dauerausstellung zu benennen und die Verantwortlichen aufzufordern, diese nachzubessern.

Eine frappierende Naivität belegt die unkommentierte Präsentation des einzigen Original an diesem Ort: die „Moabiter Sonette“. Sie stammen von der Familie Haushofer.

Albrecht Haushofer war Sohn des Geopolitikers Professor Karl Haushofer, der Stichwortgeber für die Kriegsziele der Nationalsozialisten war. Die Familie stand unter dem Schutz von Rudolf Heß, der natürlich mit dessen England-Flug 1941 endete. Das wären alles Dinge, die zur sachlichen Kontextualisierung diese einzigen Originals essentiell wären. Obendrein stellt sich hier die Frage, wo bei dieser

Quelle der konkrete direkte Bezug zum Nationalsozialismus in München ist? Gäbe es da nicht zentralere Dokumente zur NS-Geschichte in München, die es verdient hätten, im Original so prominent platziert zu werden?

Ausgesprochen aufregend und positiv zu würdigen ist die Sonderausstellung „Das Unsagbare zeigen. Künstler als Warner und Zeugen 1914–1945“, die noch bis Ende August zu sehen ist. Die meisten Exponate stammen aus der Sammlung von Gerd Gruber, Wittenberg, der seit fast sechzig Jahren antifaschistische Kunstwerke sammelt und Exponate beisteuert, die wir in dieser dichten Zusammenstellung so noch nie in München gesehen haben. Neben Werken von Lea Grundig und George Grosz hängen auch Exponate von Münchner Künstlern wie Erwin Oehl und Fritz Schaeffler.

Im Veranstaltungsprogramm finden sich viele Highlights. Am 12. Mai ist der Film „Es kann legitim sein, was nicht legal ist: Martin Löwenberg – ein Leben gegen Faschismus, Unterdrückung und Krieg“ bei freiem Eintritt zu sehen. Besucht die Webseite www. ns-dokuzentrum-muenchen.de.

Bild: NS Dokumentationszentrum München Baustelle von digital cat auf flickr.com
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