Wird Mannheim im Lärm versinken?

Nach langen Vorarbeiten hat das Bundesverkehrsministerium jetzt eine Gutachterstudie für den Eisenbahnkorridor Mittelrhein vorgelegt. Bereits am 8. Mai will sich nun der Verband Region RheinNeckar (VRRN) unter Vorsitz des Mannheimer Ersten Bürgermeister Christian Specht mit dieser Studie befassen und ein erstes Votum erarbeiten.

Wie erinnerlich hatte die gesamte Mannheimer Stadtgesellschaft in denkwürdiger Geschlossenheit bei der Planung der ICE-Schnellbahntrasse Frankfurt–Stuttgart gegen einen geplanten Bypass um Mannheim herum gekämpft. Legendär der Ausspruch des damaligen Bahnchefs Mehdorn, die Bahn könne schließlich nicht „an jeder Milchkanne“ halten. Inzwischen ist die Erhaltung des ICE-Knotens Mannheim in trockenen Tüchern. Nicht zu vergessen: Im Kampf gegen den ICE-Bypass wurden auch ökologische Argumente wie Naturund Grundwasserschutz angeführt.

Nun wird ein schon lange absehbares Problem bewusst: Wenn endlich der europäische Nord-Süd-Güterverkehr auf die Bahn verladen werden und unter den Alpen durch drei lange Basistunnel auf Gleisen rollen soll, dann heißt dies massiver Ausbau des Schienenkorridors Rotterdam–Genua, von zwei auf vier Spuren. Neubaustrecken (NBS) müssen den erwarteten zusätzlichen Güterschienenverkehr (GSV) aufnehmen. Zu berücksichtigen sind gerade in der Rhein-Neckar-Region auch die Ausbaumaßnahmen im Schienenpersonennahverkehr (z.B. SBahn). Die Preisfrage lautet nun: Durch Mannheim hindurch oder an Mannheim vorbei?

Die inzwischen höchst aktive Bürgerinitiative „Gesundheitstatt-Bahnlärm-in-Mannheim“
macht mobil gegen jegliche Planvarianten, die eine Durchfah-
rung Mannheims vorsehen. Eine Online-Petitionhatbereitsüber2000UnterstützerInnen gefunden. Sie plädiert für einen Güterbypass in einer Tunnelröhre unter dem Neckar hindurch. Die üblichen Lärmschutzmaßnahmen lehnt sie nicht zuletzt aufgrund der enttäuschenden Erfahrungen mit dem nachgerüsteten „Lärmschutz“ an der Neuostheimer Bahnlinie ab.

Im Folgenden die Bewertung der Korridorstudie durch die BI sowie ihre Forderungen. Ferner dokumentieren wir eine Stellungnahme des Umweltforums und berichten aus dem letzten Hauptausschuss zu diesem Thema.

Die „Korridorstudie“ aus Mannheimer Sicht

Im März 2015 veröffentlichte das Bundesverkehrsministerium die sogenannte „Korridorstudie“, die qualitative Eckpunkte zur Bahnverkehr-Engpassbeseitigung im Bereich Frankfurt-Mannheim liefern sollte. (Abschlussbericht 10.3.15)

Es wurden fünf Varianten vorgestellt, darunter drei Schnellfahrstrecken (bis 300 km/h) und zwei Standardstrecken (bis 160 km/h). Sie unterscheiden sich durch die Einbindung des nördlicheren rechtsrheinischen Güterverkehrs („Weiterstadter Kurve“) und Einbindungsvarianten im Darmstädter Raum. Vier Varianten führen in Mannheim über die Bestandsstrecke Riedbahn, eine Variante führt alternativ an Mannheim vorbei, mit einer Einschleifung von Norden in den Rangierbahnhof. (Siehe auch Grafik oben.)

Die Schätzkosten betragen etwa zwischen 3,0 Mrd. Euro (Variante 1c) und 3,5 Mrd. Euro (Variante 1g) Für die Mannheimer ist aus Lärmschutzund Gefährdungssicht die Zugzahlprognose relevant (Abb. rechts). Für 2025 werden in der sog. „Nachtzeitscheibe“ von

20:00 bis 5:00 Uhr 120 Güterzüge (ohne rechtsrheinische Güterzuganbindung) bzw. 160 Güterzüge (mit rechtsrheinischer Güterzuganbindung) erwartet. Diese Züge würden in den Varianten 1a-1d zusätzlich durch Stadtgebiet fahren.

Abb Mannheim

Bemerkenswert und aus Mannheimer Sicht makaber ist der „blinde Fleck“ der Korridorstudie, was den Lärmschutz in Mannheim angeht. Obwohl von fünf Zielen der Korridorstudie eines lautet: „Entlastung der Anwohner an den Bestandsstrecken vom Schienenlärm durch Bündelung des Schienengüterverkehrs auf autobahnparallelen Neubaustrecken“ und obwohl im Fazit geschrieben wird „Das Ziel, die Bestandsstrecken im Zentralkorridor nachhaltig vom Lärm zu entlasten, ist erreichbar, wenn die Verlagerungspotentiale auf die NBs vollständig ausgeschöpft werden,“ werden in der vergleichenden qualitativen Bewertung der verschiedenen Varianten diejenigen ausgezeichnet, die den Zusatzverkehr durch Mannheim leiten, mehrfach mit Lärmschutz-Bestnoten.

Erkennbar ist Lärmschutz für Mannheim völlig ausgeblendet.

Die Pläne der Bahn:

  • 160 zusätzliche laute Güterzüge pro Nacht. Alle zwei bis drei Minuten ein Zug.
  • Am Tag wird die Lärmbelastung durch Güterzüge zudem ähnlich hoch sein.
  • In Summe: eine dauerhafte Lärmbelastung für die Menschen in Mannheim.

Das können die Menschen in Mannheim nicht ertragen. Der Lärm macht uns und unsere Kinder krank. Er beschädigt den Status von Mannheim als moderne Industriestadt und mindert die Attraktivität von Mannheim als Stadt zum Leben und Arbeiten. Mannheim verdient eine bessere Lösung. Dabei muss gewährleistet sein, dass

  • der Lärm aus dem Stadtgebiet so weit wie möglich verschwindet,
• die Bedeutung des Hauptbahnhofs als ICE-Knotenpunkt erhalten bleibt,
  • auf den Gleisen Platz für den Personennahverkehr entsteht und
• der Rangierbahnhof mit seinen Arbeitsplätzen gesichert ist.

Nur ein Güterzugbypass in Tunnelausführung entlastet Mannheim vom sich vervielfachenden Bahnlärm. Mehrere Bypass-Lösungen sind denkbar – zum Beispiel ein Tunnel östlich von Mannheim oder ein Tunnel unter der Stadt.

Die Gesundheit der Menschen und die Qualität des Wirtschaftsstandorts stehen auf dem Spiel. Vor diesem Hintergrund relativieren sich die Kosten, die vom Bund zu tragen sind. Es geht um die Zukunft Mannheims! Wir fordern von der Politik, dass sie sich für die Interessen Mannheims konsequent einsetzt.

Umweltforum

Stellungnahme zur Bahn-Neubaustrecke Frankfurt-Mannheim und zur Trassenführung im Stadtgebiet Mannheims im Vorfeld der Sitzung des Planungsausschusses des Verbandes Region Rhein-Neckar

Das Umweltforum hält eine Stellungnahme des Gemeinderates des Stadt Mannheim unter vorheriger Einbeziehung von Bürgern, Verbänden und Bezirksbeiräten zu den Ergebnissen der Korridorstudie für erforderlich.

Falls die Stadt Mannheim darauf verzichtet und es dem Planungsausschuss des Verbandes Region-Rhein-Neckar überlässt, eine abschließende Bewertung der Korridorstudie und deren konkrete Auswirkungen auf das Mannheimer Stadtgebiet abzugeben, muss aus unser Sicht sichergestellt sein,

  1. dass alle praktikablen Möglichkeiten einer Güterzugumfahrung von Mannheim geprüft worden sind. Die sogenannte Mark/C-Variante (kürzeste und schnellste Direktverbindung zwischen hessischem Ried und Mannheimer Norden) drängt sich als Vorzugsvariante für die Einführung der Neubaustrecke im Mannheimer Norden auf;
  2. dass die sogenannte Verkehrslenkungsvariante (der Planfall 1c) mit geltendem Recht – auch Europarecht – übereinstimmt und die tatsächliche Möglichkeit besteht, allen Güterzügen während der „Nachtscheibe“ (22 – 6 Uhr) ausschließlich die Fahrt auf der Neubaustrecke zu erlauben;
  3. dass maximale Lärmvorsorge für die Menschen in Mannheim entlang der Bahn gewährleistet ist. Gegebenenfalls muss das Land Baden-Württemberg die für die Lärmvorsorge erforderlichen Mehrkosten genauso übernehmen, wie dies für die Rheintalbahn KarlsruheBasel fraktionsübergreifend (!) im Landtag Baden-Württemberg am 13.4.2015 beantragt wurde.
  4. Beim Güterverkehr sollte die Lärmminderung an den Güterwagen selbst prioritär sein;
  5. dass parallel zum gegebenenfalls nötigen Umund Ausbau der östlichen Riedbahn verbesserte, attraktive SBahn-Haltestellen mit optimalen Umsteigemöglichkeiten zu Straßenbahn und Bus realisiert werden (S-Bahnhof Waldhof, neuer S-Bf. Käfertal unter der BBC-Brücke, neuer S-Bf. Feudenheimer Straße/Au und neuer S-Bf. Neuostheim/ Dürerstraße).

Stellungnahme des OB im Hauptausschuss, 21. April

Dem Hauptausschuss lagen vier Anfragen bzw. Anträge zum Thema Neubaustrecken vor: Die Freien Wähler verlangten die Vorstellung der Korridorstudie und ein Votum des Gemeinderats, bevor irgendwelche Entscheidungen fallen. Die SPD befasste sich mit der ICE-Neubaustrecke und forderte Bürgerbeteiligung beim Einbau von Lärmschutzmaßnahmen. Die AfD hatte die Forderungen und Argumente der BI Lärm3 in einen Antrag gegossen, die FDP forderte vom OB eine Erläuterung, was er mit einer „möglichen Umfahrung Mannheims“ meine.

Der OB erläuterte, dass es eine neue rechtliche Regelung zur Streckennutzung gebe: Mischverkehre seien nun zulässig, z.B. zwischen Tag (Personenverkehr) und Nacht (Gütertransport). Von dieser Möglichkeit habe die Korridorstudie Gebrauch gemacht. Der OB forderte, alle Varianten komplett zu untersuchen, einschließlich der Umfahrungsvariante. Diese sei zu unterscheiden von der vor zehn Jahren diskutierten ICE-Bypass-Variante. Inzwischen habe sich die Anschlussphilosophie der Deutschen Bahn im ICE-Verkehr gewandelt: Es gebe keine Bestrebungen mehr, an wichtigen Bahnhöfen vorbeizufahren.

Um die Prüfung der Umfahrungsvariante für den Güterverkehr komme die Stadt Mannheim überhaupt nicht drum herum. Es müsse auch für Mannheim der gleiche Maßstab gelten wie für die Rheintalgemeinden, für die bereits teure Untertunnelungsund Umfahrungsvarianten in der Umsetzung seien. Einfache Lärmschutzmaßnahmen wie Lärmschutzwände seien allenfalls bei Bestandsstrecken sinnvoll, bei den Güterstrecken seien sie nicht durchsetzbar. Deswegen müssen alle Varianten genau geprüft werden. Dies trage auch der Landesverkehrsminister mit. Zu diesen Varianten gehöre auch die Untertunnelung.

OB Kurz rechnet im Übrigen mit einem ersten Spatenstich nicht vor 2025. Dass bis dahin die Güterzüge technologisch auf geringere Lärmemissionen umgestellt sein werden, ändere an der Dringlichkeit des Lärmschutzes nichts, denn auch lärmreduzierte Züge verbreiten immer noch zu viel Lärm.

Abschließend bemerkte der OB, dass man solche Infrastrukturmaßnahmen nicht mehr gegen die Bürger durchsetzen könne sondern nur mit ihnen.

Bild: Velaro D in Mannheim von fbausch.de auf flickr.com
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