„Le Village“ – Überleben unter deutscher Besatzung (Rezension)

Das Institut Français hat im Mai und Juni 2015 in der Filmhochschule (FH) München die deutsche Fassung der französischen TV-Serie gezeigt, die seit 2009 in France 3 läuft. Die Serie, die bisher aus sechs Staffeln besteht, soll fortgesetzt werden. Die deutsche Fassung wird ab dem 4. September bei Sony Entertainment TV jeden Donnerstag um 20.15 Uhr zu sehen sein.

Der Untertitel „Überleben unter deutscher Besatzung“ weist auf die dramatischen Ereignisse nach der Okkupation Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht hin. Nach dem Waffenstillstand vom 22. Juni 1940 wurde Frankreich in eine besetzte Zone und eine freie Zone aufgeteilt. Die Demarkationslinie verlief quer durch Frankreich und weiter entlang der Atlantikküste bis nach Bordeaux. Die Vichy-Regierung residierte in der freien Zone. Le Village spielt in Villeneuve, einem fiktiven Ort im Jura in der Nähe der Demarkationslinie, eher eine Kleinstadt als ein Dorf. Um in die Südzone zu gelangen, war ein Dokument notwendig, was bürokratischen Aufwand und eine willkürliche Handhabung bedeutete. Wie nicht anders zu erwarten, entwickelte sich ein illegaler Grenzverkehr, den die Nazis mit drastischen Maßnahmen zu unterbinden suchten. Das Thema der Grenze spielt eine wichtige Rolle in den einzelnen Episoden.

Die Geschichte der Okkupation, das Leben unter der Nazidiktatur, wird anhand von vielen Einzelschicksalen erzählt. Aus einer Vielzahl von Charakteren entsteht das Bild der Gesellschaft eines Orts, mit dem sich in Frankreich viele Menschen identifizieren können. Personen wie Daniel, der Arzt und Bürgermeister, Raymond, der Sägewerksbesitzer oder Lucienne, die junge Lehrerin, gewinnen im Lauf der Folgen ein immer schärferes Profil. Die Konflikte, mit denen sie zu kämpfen haben, werden glaubhaft und lebensnah erzählt.

Manche Episoden sind mit Spannung aufgeladen, andere plätschern eher dahin. Die deutschen Militärs errichteten mit den Kollaborateuren aus der französischen Polizei eine Schreckensherrschaft vergleichbar mit dem Terror der Gestapo in Deutschland. Autoritäres Denken und Führerkult unter Vichy werden lächerlich gemacht: Die Kindern der Grundschule müssen Aufsätze schreiben, die Pétain verherrlichen sollen. Gezeigt werden auch sympathische Deutsche, wie der junge Soldat, der in Lucienne verliebt ist.

Es menschelt sehr in der Gesellschaft von Villeneuve, Liebe und Politik vermischen sich ständig. Ab dem 11. Mai 1941 werden auch in der Provinz jüdische Bürger verfolgt, verhaftet und deportiert. Jean, ein französischer Polizeibeamter, der in Le Village eine zwielichtige Rolle spielt, wird mit der Razzia beauftragt. Ausländische Juden, gleich wie lange sie bereits in Frankreich leben, werden verhaftet. Jean, Kollaborateur und Karrierist, ist dieses Mal nicht einverstanden und akzeptiert die falschen Papiere zweier Frauen. Die Szene ist sehr komisch und Jean wird auf einmal sympathisch. Als ungeplant ein Zug mit deportierten Juden in Villeneuve stehen bleibt und die Menschen untergebracht werden müssen, beweisen Daniel und einige andere Einwohner von Villeneuve Zivilcourage und versuchen zu helfen, Antisemitische Äußerungen mancher Bürger von Villeneuve lassen ahnen, wie stark in der Rechten in Frankreich fanatische Antisemiten vertreten waren.

Das Netz der Résistance, das sehr bald nach der Invasion der Deutschen in ganz Frankreich aufgebaut wurde und in Verbindung zu de Gaulle in London stand, war auch in Villeneuve aktiv und wurde von Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und politischer Zugehörigkeit unterstützt, die sich akuter Lebensgefahr aussetzten. Die Geschichten um die Mitglieder oder Sympathisanten der Résistance halten die Zuschauer in Atem. Die Postangestellte handelt aus ihrem patriotischen Gefühl heraus, während Marcel sich als Kommunist zunächst nach den politischen Vorgaben der KP richtet. Er ist Vater des kleinen Gustave, dessen Schicksal exemplarisch für das vieler Kinder im Krieg steht, er verliert seine Mutter, Marcel landet im Gefängnis. Gustave versteht die Welt nicht mehr.

Ist es zu empfehlen, die Serie Le Village einzuschalten, wenn sie ab September bei Sony Entertainment TV gezeigt wird? 2015, siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, haben die Fernsehzuschauer bereits eine Menge Produktionen vorwiegend aus USA gesehen, die sich mit der Geschichte aus der Perspektive der Menschen eines Orts oder mit Einzelschicksalen befassen. Zu erinnern ist an Holocaust (1978), die amerikanische TV-Serie, die viele Fernsehzuschauer erstmals mit dem Holocaust konfrontierte und Anlass bot, sich mit der NaziVergangenheit zu beschäftigen.

Le Village stellt die Frage, was die Deutschen über die Geschichte Frankreichs im Zweiten Weltkrieg wissen und was sie z.B. mit dem Thema der Okkupation verbinden. Nach der Landung der Alliierten 1944 und der Befreiung von Paris im August 1944 wurden de Gaulle und die Résistance gefeiert. Pétains Regierung, in Sigmaringen, vorher in Vichy, und die Kollaborateure, die bei der Okkupation die Nazis aktiv unterstützten, wurden als Schandfleck gebrandmarkt und vor Gericht gestellt. Le Village erinnert daran, welches Chaos der Waffenstillstand und die folgende Naziinvasion in Frankreich auslösten. Die Frage, wie es zu der Niederlage Frankreichs im Mai 1940 kam und wie der Waffenstillstand am 22. Juni zu beurteilen ist, beschäftigt die Historiker bis heute intensiv (zu empfehlen Julian Jackson, La France sous l’Occupation, 2004, Flammarion). In der Serie Le Village geht es um die moralische Verantwortung des Einzelnen, einmal abgesehen von den durch die Okkupation geschaffenen Tatsachen. Die Geschichten der Serie lassen sich als moderner Geschichtsunterricht verstehen, bei dem Augenzeugen zu Wort kommen. Helden des Alltags und Versager, Gute und Böse. Mitläufer, die in Deutschland die schweigende Mehrheit bildeten, sind nicht das Thema der Serie, sondern Menschen, die in das Geschehen hineingezogen werden und sich entschließen zu handeln.

Ulla Varchmin

Regie: Philippe Triboit, Olivier Guignard, Autor: Frédéric Krivine. Musik Eric Neuveux. Produktion : France 3

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