Syrien: Kulturdenkmäler im Bürgerkrieg

In Syrien finden wir einige der bedeutendsten Stätten mit Kulturdenkmälern des Orients und der ganzen Welt. Durch den seit 2011 andauernden Bürgerkrieg drohen sie jetzt zerstört zu werden – durch Kampfhandlungen und bewusste Vernichtung.

Syrien als Weltkulturerbe der Menschheit

Schweizer Archäologen haben erst vor 20 Jahren in dem Dorf El Kown Steinwerkzeuge aus der frühesten Zeit der Menschheitsgeschichte entdeckt. Dieses damals fruchtbare Gebiet im Norden des Landes war schon vor 2,5 bis 1,5 Millionen Jahren Durchgangsland für die ersten Menschen, die von Afrika nach Asien und später nach Europa auswanderten. So fanden die Archäologen dort Schädel und Steinwerkzeuge vom homo erectus und dem Pekingmenschen, über 12 415 Faustkeile und 15 000 Tierknochen. Verschiedene paläolithische Gruppen haben hier aber auch dauernd Siedlungen unterhalten (z.B. aus der Oldowai-, Acheuleen- und Moustérien-Kultur) und bis zum Beginn der neolithischen Revolution um 10 000 vor unserer Zeitrechnung (v.Z.). Einmalig. In Syrien wurde die Landwirtschaft und Viehzucht „erfunden“, einige Jahrtausende, bevor sie auch in unseren Breiten angewandt wurde. Nun musste das hier aufgebaute archäologische Camp bei Beginn des Bürgerkrieges in Syrien 2011 geschlossen werden und dient seit 2013 – wie auch leerstehende Häuser, Baracken und Hallen bei uns in Deutschland – der Unterbringung von Flüchtlingsfamilien aus dem nahegelegenen Aleppo.

Die frühen Hochkulturen der Sumerer und Mesopotamier hatten ihre Niederlassungen ebenfalls in Syrien: bei Mari am Euphrat und Tel Mardikh/ Ebla am Orontes. Die nach folgenden kleinasiatischen Stadtstaaten entlang dem Mittelmeer bauten Häfen, Paläste und Tempel in Ugarit und Tell Halaf, einer Siedlung die der deutsche Archäologe Oppermann seit 1899 bis in die fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ausgegraben und ins Pergamon-Museum in Berlin überführt hat. Dasselbe taten die Franzosen mit den Artefakten aus Mari und Ugarit (im Louvre). Zum Glück? Nun, in den beiden Weltkriegen sind nicht nur im Orient sondern auch in Europa große Teile dieser wertvollen Skulpturen zerstört worden. Was hellenistisch-römisch ist, steht in Form von großen weitflächigen Ruinen im Land – in Apamea, Palmyra und Bosra – oder in Form von zahlreichen vielfältigen Kleinst-Tempeln, etwa in der Provinz Deraa im Süden (wo im übrigens die Aufstände gegen das Assad-Regime begannen). Um sie herum scharten sich dann die vom 1.7. Jahrhundert die frühen christlichen Klöster und Kirchen, ebenfalls in Deraa, in den „Toten Städten“ im Norden (500 einzelne Stätten und Gebäude) nahe Idlib, im heute noch aramäisch sprechenden Maalula (Jesu Sprache) und in Sednaya. Der Welt erste christliche Hauskirche (erkennbar am vorhandenen Taufbecken) aus dem 3. Jahrhundert (Jhd.) nach unserer Zeitrechnung (n.Z.) liegt in Dura Europos im Osten an der Grenze zum damals mächtigen Achämidisch-Persischen und Sassanidischen Reich. Gleich daneben eine jüdische Synagoge, deren Wandbilder (heute im Museum in Damaskus) die Verbundenheit von orientalischer und westlicher Malkunst mit frontalem Blick aus großen Augen der frühen Christen deutlich erkennen lässt. Schließlich ist das Land voller Baudenkmäler aus der im 7. Jahrhundert beginnenden islamischen Zeit: Moscheen, Medresen (Schulen), Suks, (Marktstraßen), Kahne (Hotels für die Unterbringung von Mensch und Kamel), Zitadellen, Wüstenschlösser, Paläste und Burgen – im ganzen Land verteilt. Die prächtigsten und ältesten Moscheen finden sich in Damaskus – von wo aus die erste Dynastie der Ummayaden herrschte und in Aleppo, von wo aus Nur ed-Din das Land nach den Kreuzzügen wieder „groß machte“. Eine Besonderheit in Syrien sind die vom 11.-13. Jahrhundert von den „fränkischen“ Kreuzfahrern erbauten mächtigen Burgen entlang dem Küstenweg mit Marquab, Krak de Chevalier und Qalaat Sayjun (erinnert an den Befreier Saladin), um sich in einem eroberten feindlich gesinnten Land halten zu können. Auf der Insel Ruad nahe Tartus am Mittelmeer befindet sich die letzte Bastion der fremden Eroberer, bevor sie das Land verließen.

Bürgerkrieg in Syrien

Seit 2011 herrscht Bürgerkrieg zwischen den Regierungstruppen von Assad und den Rebellenallianzen der Al-Nusra-Front, der Dschaisch al Fatah und den Dschihadisten des Islamischen Staates (IS). Neben den menschlichen Tragödien, die sich in diesem kriegsgeschüttelten Land abspielen, und Millionen von Flüchtlingen bis vor unsere Haustüren bringen, haben auch die Zerstörungen dieser berühmten von der UNESCO als Welt-Kulturerbe anerkannten Stätten (6 anerkannt, 10 weitere geplant) in den letzten Monaten für allgemeine Empörung gesorgt. Selbst eine „uneinnehmbare“ Burg wie die von Krak de Chevalier kann der modernen Waffentechnik nicht stand halten. Mit den Wohnungen der Menschen brechen auch die Kulturdenkmäler wie Kartenhäuser zusammen. Seit Anfang dieses Jahres nehmen die IS-Truppen bedeutende Städte wie Idlib (Luftwaffenstützpunkt), Bosra an der jordanischen Grenze und Aleppo ein. Hier sind Zitadelle und Moschee weitestgehend zerstört – ihr berühmter Turm nach dem Modell auf dem venezianischen Markusplatz nachgebaut – steht nicht mehr.

Palmyra absichtlich zerstört

Noch empörender ist es für die syrischen und die Menschen aus aller Welt, dass es sich bei den Zerstörungen jetzt nicht „einfach nur“ um die militärischen Folgen des Krieges, sondern um eine systematische Vernichtungskampagne handelt. Die Krieger des Islamischen Staates (IS) haben inzwischen bis auf Damaskus so gut wie alle wichtigen syrischen Städte in der Hand – seit Mitte dieses Jahres stehen ihnen dort eine Fülle von bedeutenden Kulturdenkmälern, Museen, Statuen, Artefakte zur Verfügung. Wie damit umgegangen wird, lässt sich seit Beginn des Jahres 2015 am besten an Palmyra erkennen. Sie verkörpert eine der schönsten Ruinen-Metropolen an der orientalischen Seidenstraße, einst wohlhabende Oasenstadt zwischen Rom und dem persisch regierten Zweistromland.

Nach langen Kämpfen wu
de die Stadt am 20. Mai von
den Dschihadisten besetzt. Sie sprengten verständlicherweise sofort das ihnen und ganz sicher auch der Bevölkerung lang verhasste Tadmor-Gefängnis in
die Luft, in dem Präsident Assad
und seine Vorgänger die Regimegegner eingesperrt und gefoltert haben. Aber ab Juni 2015 folgten
dann Angriffe auf zwei Mausoleen von Ali Ibn-Taleb (ein Cousin
und Schwiegersohn des Profeten Mohammed) und im Laufe des August auf den kleineren Baalschamin-Tempel und danach auf
den großen Baalstempel. Beide wurden vor 2000 Jahren in späthellenistischer Zeit zu Ehren des altbabylonischen Sonne-Mond-Gottes Baal errichtet. Schließlich folgten drei von den mehreren Dutzend am Rande der Wüste in spätrömischer, bzw. frühchristlicher Zeit gebauten Grabtürmen mit Familiengräbern. Zugleich enthaupteten sie einen Monat zuvor den gefangen genommenen 81-jährigen syrischen Chefarchäologen der gesamten palmyrenischen Ausgrabungsstätte Khaled al Asaad – der vermutlich vor dem Einmarsch der IS Kunstgegenstände in Sicherheit gebracht und versteckt hat – hängten ihn im Ruinengelände auf und zerstückelten ihn.

In der Tradition der Khalifen

Was bewegt nun diese von aller Welt als barbarisch gebrandmarkten Taten der IS-Terroristen zu solchem Tun? Nadeen Khan – islamischer Wissenschaftlicher und Mitarbeiter der Universität Münster – versucht in mehreren jetzt veröffentlichten Beiträgen in der Zeitschrift „Religion und Politik“ dem auf die Spur zu kommen. Am 4. Juli 2014 hatte der IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi die Kanzel der Großen Moschee in Mosul bestiegen und sich selbst zum Khalifen des wiedererstandenen „Islamischen Staates“ (IS) ausgerufen. Solch ein Titel und Staat wurden über eineinhalb Jahrtausende für den religiösen und politischen Herrscher der islamischen Welt benutzt, zuletzt unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches. Mit Gründung der türkischen Nationalversammlung schaffte ihr letzter Vertreter Mustafa Kemal Atatürk 1924 diesen Titel und den damit verbundenen Anspruch offiziell ab. Was viele islamische Bewegungen nicht hinderte, immer wieder eine Wiedereinführung dieses Titels und eines solchen Staates zu verkünden. Nach dem plötzlichen Tod Mohammeds im Jahre 622 wurde als erster unmittelbarer Nachfolger Abu Bakr – Schwiegervater und Gefolgsmann des Propheten, nach ihm nennt sich der der heutige IS-Khalif – zum Khalifen erklärt und mit Vollmacht für die religiösen und politischen Belange des Islam ausgestattet. Ihm folgten drei weitere, meistens heute noch anerkannte sogenannte „vier gerechte“ (richtige, wahre) Khalifen. Danach spalteten sich die theologischen und politischen Richtungen in viele verschiedene Gruppierungen und Herrscherpersönlichkeiten auf, uns am bekanntesten sind die Sunniten und Schiiten. Der IS-Führer beruft sich also auf diesen sunnitischen Ursprung. Der Zusatz alBaghdadi, an seinen Namen angefügt, soll ebenfalls zur Legitimation dienen. Das im 8. Jahrhundert mächtig und groß gewordene Reich der Abbasiden, die von Bagdad aus über das Weltreich von Spanien, Afrika, Arabien bis Persien herrschten, möchte die IS wieder zurück erobern. Weshalb Abu Bakr al Baghdadi sich auch wie seine abbasidischen Vorgänge bewusst in schwarz kleidet. Und weshalb die jetzt herausgegebene Einführung einer eigenen Währung ebenfalls nur so von altislamischen Symbolen strotzt. Für einen historisch orientierten und wissenschaftlichen Forscher sind alle diese Berufungen natürlich sehr beliebig, das sagt auch Nadeen Khan. Der IS – wie viele sonstige selbsternannte Herrscher vor ihm mit Ambitionen zur Aufrichtung eines neuen Reiches – greift einfach in die Sammelkiste des Islam, um sich vor seinen Mitkämpfern zu legitimieren. So wie es alle Fundamentalisten ob islamisch, jüdisch christlich oder unreligiös tun.

Heiden – Monotheisten – Ketzer

Der Islam der Frühzeit hatte es mit heidnischen und monotheistischen Ungläubigen zu tun. Letztere wurden weitestgehend toleriert (Juden und Christen), nicht zum Übertritt in den Islam gezwungen sondern – wenn sie sich nicht militärisch widersetzten – lediglich zu einer Sonder-Steuerzahlung im neuen Staat herangezogen. Heidnische Religionen und Götzendienste waren ihnen hingegen ein Gräuel und ihre Vertreter wurden rigoros bekämpft. Dazu gehört eben auch die Zerstörung heidnischer Kulturschätze, die errichtet wurden, um fremden Göttern zu dienen – sei es der aramäische Baal, der griechische Jupiter oder die arabische weibliche Gottheit Allat (deren weiblicher Name übrigens kurioserweise für den Begriff des im Islam allerhöchsten Allah übernommen wird). Solche „abergläubischen Aktionen“ hat z.B. auch der Archäologe Oppenheimer in Tell Halaf von fanatischen Muslimen erfahren. Dabei haben sie es vor allem auf Menschen- und Tierdarstellungen abgesehen, die nach den Grundsätzen des Islam nicht ketzerisch sind, weil man damit in die Schöpfertätigkeit Gottes eingreift.

Wenn nun auch noch alte heidnische Gepflogenheiten bei den islamischen Gläubigen selber auftauchten, wurden sie besonders hart geahndet: so der weit verbreitetes Volks-Glaube an Dschinnen (Geister) oder die Verehrung der Gräber von „heiligen“ Marabuts, zu denen die Menschen genau so gerne pilgern wie unsere katholischen „Brüder und Schwestern“. Deshalb machen die Milizkämpfer vor allem nicht Halt vor der Zerstörung „eigener“ islamischer Bildnisse. Das erklärt auch, warum z.B. in Palmyra das Grab des Ibn Taleb, der als Verräter unter den Nachfolgern gilt, ebenfalls, ja sogar zuerst geschändet wurde und der Museumsdirektor Khaled al-Asaad aus dem heutigen Palmyra besonders grausam hingerichtet wurde.

IS-Ideologie

Wir würden ja noch einigermaßen verstehen, wenn der IS gegen die fremden Räuber aus der Kreuzzugsepoche vorgehen würde oder auch gegen die heutigen fremden, westlich orientierten und Arabien bedrohende Juden und Christen einen gewissen Hass aufbrächte. Aber Attentate und Terrorangriffe sind nun mal in erster Linie gegen die heidnischen und gegen Verräter aus den eigenen Reihen gerichtet. Als Abu Bakr Baghdadi 2014 in Mosul bewusst als Redner auf die Kanzel der dortigen Freitags-Moschee stieg, belebte er damit wieder eine alte Tradition: dass der Khalif als Herrscher ursprünglich auch über die religiösen wahren Inhalte des Islam zu entscheiden hatte. Genau das will der IS wieder einführen. Die Erkenntnis, dass es im Laufe der Jahrhunderte – wie überall in der Welt bei großen Reichen und Staaten – auch im Islam zu Streit und Spaltungen unter den Muslimen gekommen ist – allem voran die zwischen den Sunniten und Schiiten – führt wohl bei anderen ideologischen Richtungen nicht aber bei der IS zu einer „demokratischen“ Diskussionsstrategie, sondern zur gewalttätigen und terroristischen Intoleranz. In Abu Musab az-Zakari (enger Weggefährte von Osama bin Laden und Abu Bakr al Baghdadi) wurde diese ideologische Richtung seit längerem vorgegeben und dazu ein sogenannter „al-Qaidas Zwanzigjahresplan“ kreiert. Es ist also kaum zu hoffen, dass die Zerstörungen im von der IS eroberten Syrien eingestellt werden.

Was kann die empörte Welt tun?

Da die Militärtaktik der IS inzwischen vom kompakten Einmarsch mit Waffen und Geräten auf eine Methode des Einschleichens Mann bei Mann in die zu erobernden Orte übergegangen ist, kann wohl kaum das Bombardieren durch Assads Luftwaffe oder einer solchen jetzt von Frankreich zugesagten „Hilfe“ etwas erreichen. Dem folgen nur weitere Opfer unter der Zivilbevölkerung, der Vernichtung ihres Wohnraums und Zerstörung von wertvollen Kulturdenkmälern. Wissenschaftliche Fachleute glauben nicht an eine schnelle Verbesserung der Lage. Sie machen sich zurzeit daran, wenigstens die Dokumentation und Digitalisierung dieser Kulturschätze, Denkmäler und Artefakte voranzutreiben. Eine solche gibt es leider noch nicht umfassend in Syrien. Damit – hier stützen sie sich auf die Erfahrungen aus dem Irakkrieg – wird immerhin erreicht, dass man das, was kaputt geht, vielleicht später wieder zusammenflicken und aufbauen kann.

Bild: Palmyra von Alper Çuğun auf flickr.com
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