Bucher zum Thema Flucht und Asyl, Syrien, Islamismus

Ahmad Mansour, „Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen den religiösen Extremismus umdenken müssen“

Der Autor, geboren 1976 in Israel, ist arabischer Israeli und lebt seit 2004 in Berlin. Er ist Psychologe und arbeitet für Projekte gegen Extremismus, u.a. bei HEROES und HAYAT.

HEROES (auf Deutsch: „Helden“) ist ein 2007 in Berlin Neukölln gestartetes ProjektgegenUnterdrückungimNamen der Ehre und für Gleichberechtigung. Es wendet sich vor allem an junge Männer in der migrantischen Community und betreibt Aufklärung gegen falsche „Ehrbegriffe“, die der Unterdrückung von Frauen und Mädchen Vorschub leisten. HAYAT wurde 2011 auf Initiative des Zentrums für Demokratische Kultur mit Unterstützung der Bundesregierung gegründet. Es basiert auf den Erfahrungen der Ausstiegsinitiative für Neonazis („EXIT-Deutschland) und wendet sich an Jugendliche, die in den Salafismus und den Dhihadismus abzugleiten drohen, und an deren Familien. HAYAT versucht, dieses Abgleiten mit den Mitteln der Aufklärung und Diskussion mit diesen jungen Menschen zu verhindern.

Der Autor schildert vor dem Hintergrund dieser beruflichen Praxis seine Erfahrungen mit „Jugendlichen, die wir dringend erreichen müssen“. Diese werden über Internet und TV-Sender zunehmend von extremistischen islamischen Richtungen angesprochen. Dieser neue Typus von Propaganda erreicht nach seinen Erfahrungen viele hier in Deutschland aufgewachsene Jugendliche der zweiten oder dritten Migrantengeneration. Eltern und Schulen bemerken das oft gar nicht oder nur am Rande und sind dann, wenn sie diese Entwick

lung bemerken, oft verwirrt und ratlos. Mansour geht davon aus, dass aktuell etwa 1.500 bis 1.800 hier aufgewachsene Jugendliche nach Syrien und in den Irak gegangen sind, um sich dem „Dschihad“ von IS & Co. anzuschließen, und dass die Zahl der Anhänger der Salafisten hierzulande bei über 10 000 liegt. Ihm geht es darum, auf diese alarmierende Entwicklung hinzuweisen und Wege der Prävention aufzuzeigen. Er verweist darauf, dass die Jugendlichen von einer Propaganda erreicht werden, die von dem Regime Erdogan in der Türkei, den Muslimbrüdern in Ägypten und Katar oder den Salafisten in SaudiArabien aus gesteuert und finanziert wird. Diese Propaganda sei lange nicht ausreichend beachtet und in ihren Wirkungen unterschätzt worden, ist eine seiner Thesen. Er fordert von den muslimischen Verbänden in Deutschland eine aktive Positionierung gegen diese religiös-extremistische Propaganda. Er plädiert für eine kritische, dialogische und argumentierende Auseinandersetzung an den Schulen, in Vereinen, in Jugendämtern und Sporteinrichtungen mit dem Ziel der aktiven Förderung einer Politik der Inklusion. Fragwürdig sind seine Vorschläge da, wo er mit „Topdown“-Kontroll-Ideen (welchen Nutzen soll z.B. eine Kontrolle von Jugendprogrammen durch das Kanzleramt bringen?) aufwartet. Aber im Zentrum seiner Vorschläge steht eine Mobilisierung der Zivilgesellschaft. „Ziel ist es, Heranwachsenden mit familiären Einwanderungsgeschichten die Erfahrung zu vermitteln, dass sie zu Gesellschaft und Staat dazugehören, um sie für demokratische Werte und Normen zu begeistern. In Schulen, Sportvereinen, Behörden, Ämtern unterstützt eine Öffentlichkeitskampagne (Tenor: ‚Du gehörst dazu!’) diese dezidierte Haltung“, fordert er. Ein spannendes Buch, das die Gefahren des Islamismus zu erfassen versucht und sich schroff gegen islamfeindliche Strömungen von Sarrazin bis Pegida abgrenzt.

Ahmad Mansour, Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen den religiösen Extremismus umdenken müssen. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 2015, 271 Seiten, 19,99 Euro.

Emmanuel Todd, „Wer ist Charlie? Die Anschläge von Paris und die Verlogenheit des Westens“

Ebenfalls gegen islamfeindliche Strömungen, hier aber vor allem in der französischen Gesellschaft, wendet sich der französische Soziologe Emmanuel Todd. Der Autor ist umstritten und scheut keinen Streit. „Er ist Spross einer der interessantesten Familien der französischen Intelligenzija, in der sich Bourgeoisie und Boheme fröhlich vermischt haben, ein bisschen englisch, ein wenig jüdisch, sehr sozialdemokratisch, vor allem kosmopolitisch. Sein Großvater war der Schriftsteller Paul Nizan, sein Vater, Olivier Todd, ist ein großer Journalist; der Anthropologe Claude Lévi-Strauss war Cousin zweiten Grades. ’Er ist ein reines Produkt des englischen Empirismus und des französischen Hangs zur Theorie’, analysiert sein Vater. Besser kann man ihn als Intellektuellen nicht beschreiben“, schreibt die „Welt“ am 12.11.2015 über ihn. Die französische Zeitung „Liberation“ nannte Todds Buch eine „Blasphemie“, die an der deutsch-französischen Militärachse stark interessierte FAZ sprach von „wirren Thesen“ und informierte ihre Leser vorsorglich, Todd sei in Frankreich nun „Persona non grata“.

„Bei den Solidaritätsdemonstrationen für das Satiremagazin ‚Charlie Hebdo‘ Anfang 2015 haben sich, so Todds These, „Demokraten und Antidemokraten untergehakt, um gegen den Islam zu demonstrieren. Nicht um die Freiheit generell ging es, sondern um die Freiheit, den Islam zu verhöhnen“, nicht um das Recht auf Blasphemie also, sondern um die Pflicht zur Islamfeindlichkeit. Die von der Regierung Hollande organisierten landesweiten Demonstrationen nach dem terroristischen Attentat auf die Zeitschrift seien ein Versuch der „Wiedervereinigung Frankreichs von oben, kombiniert mit dem Ausschluss der jungen Muslime in den Vorstädten und der Arbeiter … Anstatt die extreme Rechte zurück zu drängen, öffnete sie vielmehr die Schleusen, die dem Front National weiteren Auftrieb gaben“, lautet seine Diagnose (S. 84), die durch die jüngsten Wahlergebnisse der FN leider bestätigt zu sein scheint.

„Der Autor … ist über die Gesellschaft in seinem Land verzweifelt“, heißt es im Vorwort. „Er geht erbarmungslos mit seinem Frankreich ins Gericht, das sich törichterweise in der Illusion wiegt, es sei Erbe der großen Revolution von 1789, der Werte von Freiheit und Gleichheit sowie der Vorstellung des universellen Menschen, gerade zu einer Zeit, da das konkrete inegalitäre und antiliberale Verhalten seiner vorherrschenden Schichten an die finstersten Zeiten der französischen Geschichte gemahnt: An die der Affäre Dreyfus oder des Vichy-Regimes.“ (S. 14) Er fürchtet eine weitere Rechtsentwicklung der französischen Gesellschaft, verbunden mit einer Vertiefung der sozialen und politischen Ungleichheit, eine Entwicklung zu einer neuen Oligarchie, getragen von einem, wie er ihn nennt, „Zombie-Katholizismus“, von Islamfeindlichkeit und Antisemitismus.

Todd versucht, seine Thesen zu belegen mit eine Anthropologie der Familienstrukturen und des Erbrechts in Frankreich sowie einer damit verbundenen Soziologie der Religionen, ein spannender, hierzulande in den Sozialwissenschaften eher seltener Ansatz. Ob ihm das mit seinen regionalen Analysen über schulische Probleme, Arbeitslosigkeit, religiöse Traditionen, Familienstrukturen und Wahlverhalten in Frankreich gelingt, bleibt am Ende eine offene Frage.

Das Buch ist nicht nur wegen seiner manchmal sehr provokanten Thesen anregend. Zum Beispiel lohnt allein die These, dass „unterschiedliche Werte, die den Familienstrukturen zugrunde liegen (womit unter anderem lange Traditionen im Erbrecht und Familienrecht gemeint sind, Anm.), typische Neigungen der angloamerikanischen, germanischen oder lateinischen Welt“ erklären könnten, eine Vertiefung. Die Diskussion über verschiedene Wohlfahrtssysteme, wie sie beispielsweise der dänische Wohlfahrtstheoretiker Esping-Andersen angestoßen hat, geht in eine ähnliche Richtung. Anregend sind auch die Hinweise des Autors auf das „kurze Gedächtnis“ mancher Debatten, etwa wenn er erwähnt, dass Zeitungen wie „Le Monde“, „Liberation“ und andere, die heute den Luftkrieg gegen den IS in Syrien unterstützen, noch zwei Jahre zuvor den gleichen Luftkrieg, damals aber gegen das Regime Assad verlangten. Oder wenn er auf die Kontinuitäten zwischen den Thesen eines bis heute der SPD angehörenden Politikers wie Thilo Sarrazin und der PEGIDA-Bewegung in Dresden hinweist.

Am Ende steht ein Plädoyer für ein an Goethes west-östlichen Diwan angelehntes „Einvernehmen mit dem Islam“ und die tiefe Sorge des Autors, dass sich hinter der Islamfeindlichkeit der französischen Oberund Mittelschicht bald auch wieder ein neuer Antisemitismus breit machen könnte.

Emmanuel Todd, Wer ist Charlie? Die Anschläge von Paris und die Verlogenheit des Westens, C.H. Beck, München 2015, 236 Seiten, 14,95 Euro

Jenny Erpenbeck, „Gehen, ging, gegangen“

Nicht als Sachbuch, sondern in Form eines Romans befasst sich die 1967 in Berlin geborene Jenny Erpenbeck mit einem anderen Kapitel der Flüchtlingspolitik, dem Umgang des Berliner Senats, speziell des CDU-geführten Innensenats und der von ihm kontrollierten Ausländerbehörden mit den afrikanischen Flüchtlingen, die sich 2014 auf dem Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg mit einem bundesweit beachteten Camp Gehör und Aufmerksamkeit verschafften, um eine Lebensperspektive und ein Aufenthaltsrecht in Berlin zu erreichen. Keiner von ihnen erhielt am Ende ein Aufenthaltsrecht in Berlin. Die ekelhafte Perfidie, mit der ihnen der CDU-Innensenator und seine Ausländerbeamten jede Chance auf ein Bleiberecht in Berlin raubten, empörte und motivierte anscheinend die Autorin zu ihrem Buch. „Der Roman führt einen emeritierten deutschen Professor mit Flüchtlingen zusammen, die in Berlin gestrandet sind. Jenny Erpenbeck findet eine Sprache für ein sprachlos machendes Problem, sie lässt zwei getrennte Welten sich leicht ineinander verzahnen. Und gibt Hoffnung“, heißt es in einer Kurzrezension der „Berliner Zeitung“ vom Jahresende 2015. Tatsächlich macht sich der Professor auf die Suche nach den individuellen Fluchtgründen von Menschen aus Afrika und schildert eindringlich und ungeschminkt ihre Sicht auf die Situation in ihren Herkunftsländern. Am Ende werden sie alle aus Berlin verjagt und ihre Hoffnung, sich hier ein neues Leben aufzubauen, durch eine unbarmherzige Ausländerbürokratie zunichte gemacht. Sprachlos macht das Buch aber ganz und gar nicht, im Gegenteil: Es fordert zum Handeln auf gegen eine solche Asylpolitik.

Jenny Erpenbeck, Gehen, ging, gegangen, Roman, Albrecht Knaus Verlag, München, 2015, 352 Seiten, 19,99 Euro

Samar Yazbek, „Die gestohlene Revolution, Reise in mein zerstörtes Syrien“

Die Autorin, geboren 1970, stammt aus einer alewitischen Familie in Syrien. Als die Proteste gegen das Regime von Assad begannen, nahm sie als Berichterstatterin daran teil. Dadurch geriet sie in das Visier der syrischen Geheimdienste, wurde bedroht und floh mit ihrer Tochter aus dem Land. Heute lebt sie in Paris. Samar Yazbek schildert in dem Buch tagebuchartig Erfahrungen und Stationen eines Besuchs in den damals noch von der Opposition der „Freien Syrischen Armee“ kontrollierten Gebieten in Syrien. Diese Kontrolle bricht während ihres Besuchs sichtbar weg. „Syrien ist zum Magneten für extremistische Kräfte aus der ganzen Welt geworden. Der IS ist nicht aus der syrischen Bevölkerung erwachsen, sondern von außen gekommen. Heute herrscht er über die Hälfte des Landes … Die Revolution hat nichts mehr damit zu tun, wie sie angefangen hat, mit ihren Forderungen nach Demokratie und Gerechtigkeit“, beklagte sie unlängst in einem Interview mit der Berliner Zeitung (15.9.2015). In dem Buch schildert sie mit beklemmender Genauigkeit den furchtbaren Terror und das Leid, das die Fassbomben des Regimes Assad unter der Zivilbevölkerung anrichten, ebenso wie das Vordringen von Terrororganisationen wie Al Nusra und von IS-Kämpfern aus afrikanischen Ländern, aus Afghanistan, dem Jemen und anderen Ländern, die 2013 und danach praktisch ungehindert über die Türkei nach Syrien einsickerten. Die Autorin interviewt Mütter, Basarhändler, Krankenschwestern, zur Opposition übergelaufene Soldaten und Stammesfürsten, schildert deren Schicksal und erzählt, wie aus der Protestbewegung gegen das Regime Assad ein Krieg wurde, aus dem der IS den größten Nutzen zieht. Schade ist nur, dass die kurdische Opposition gegen Assad in dem Buch fast gar nicht vorkommt – vielleicht ein Hinweis auf einen der Schwachpunkte der demokratischen Opposition in Syrien?

Samar Yazbek, Die gestohlene Revolution, Reise in mein zerstörtes Syrien, Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, München, 2015, 287 Seiten, 19,90 Euro

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: