Friederike Moos: „In uns und um uns“

Sommer 1967: in den Behringwerken, einem Pharmaunternehmen in Marburg, bricht eine weltweit unbekannte Krankheit aus. Die Erkrankung trat plötzlich auf. Sie zeigte sich anfangs mit Symptomen wie Kopfschmerzen, Fieber, Gliederschmerzen, Durchfall. Es folgen Hautveränderungen, Bewusstseinstrübungen, Bewusstlosigkeit, schließlich Koma und im Extremfall Tod durch Herzund Kreislaufversagen.

Innerhalb von vier Wochen erkrankten in Marburg dreiundzwanzig Menschen, fünf starben. Weitere Erkrankungen und Todesfälle traten zur gleichen Zeit in Frankfurt, Belgrad und Freiburg auf. Wenige Tage, nachdem die Infektionen auftraten, wurden die betroffenen Patienten in Isolierstationen untergebracht. Familienangehörige hatten keinen Zutritt mehr. Das Gesundheitsamt schickte sogenannte „Verweser“ zum Desinfizieren in die Marburger Haushalte. Aus allen Teilen der Bundesrepublik kamen besorgte Anfragen an das Marburger Gesundheitsamt, ob man noch unbeschadet nach Marburg reisen könnte. Weil die meisten Patienten mit den Versuchsaffen in den Behringwerken in Berührung gekommen waren, sprach die Presse schnell von der „Marburger Affenseuche“.

Und mittendrin im Zentrum der Infektionsgefahr: Friederike Moos. Gerade 19 Jahre alt geworden, hat sie eine Stelle als Biologielaborantin im Gewebezuchtlabor bei den Behringwerken angetreten. Dort wurde schwerpunktmäßig an der Produktion des Impfstoffes gegen die Kinderlähmung gearbeitet. Direkt unter den Arbeitsräumen des Gewebezuchtlabors lagen die Affenställe. Deren Nieren waren der Grundstoff für die Produktion des Polioimpfstoffs. Regelmäßig wurden die Affennieren entnommen und hieraus die Gewebekulturen für den Impfstoff gezüchtet. Alle Mitarbeiter in diesem Bereich waren unmittelbar von der Seuche betroffen.

Während die ArbeitskollegInnen schwer erkranken, gar starben, kam Friederike Moos körperlich unbeschadet davon. Fast fünfzig Jahre nach den Ereignissen schreibt sie:

„Es gibt Erinnerungen, die so einschneidend sind, dass man sie tief in sich verbirgt und nicht antasten möchte. Vielleicht geschieht das in der Hoffnung, dass diese Erinnerungen und die mit ihnen verbundenen Gefühle dadurch verblassen mögen. Aber das tun sie nicht.“

Nach fast 50 Jahren lässt sie aber nun Erinnerung und Gefühl heraus und hat ein interessantes Buch über die damaligen Ereignisse und die Folgen geschrieben:

„In uns und ums uns. Meine Begegnung mit dem Marburg-Virus“

Wir haben es hier aber nicht mit eine reinen Autobiographie zu tun. Eigentlich nur am Anfang und Ende des Buches spricht sie über ihr unmittelbares Wirken. Das Buch ist ebenso eine spannende Darstellung des ersten Auftretens, der Erforschung und schließlich Entdeckung des Virus. Mit detektivischen Methoden versuchten die Wissenschaftler den Weg der Affen aus Afrika und die mögliche Quelle der Infektion zu ermitteln. Wir nehmen mit Erstaunen zur Kenntnis, dass in den Außenbezirken von London ein „Tierhotel“ existierte, in dem aus allen Ländern der Erde alle möglichen Tierarten zu Tausenden untergebracht wurden. Sie kamen von Schiffsund Flugtransporten, wurden in London gelagert, bis sie an ihren Bestimmungsorten, vorwiegend in der Industrie, als Versuchstiere und Rohstoffquelle verbraucht wurden. Und dieser „Verbrauch“ war in den Industriestaaten gigantisch. Allein die USA bezog von 1952 bis1967 1,5 Millionen Affen aus Indien, Ostasien und Afrika. Im Jahr, bevor das Marburg-Virus in Erscheinung trat, verbrauchten die Behringwerke 3606 Affen für die Herstellung und Prüfung von Impfstoffen. Das waren doppelt so viele Tiere wie ein Jahr zuvor. Von Tierschutz und Recht der Tiere war nicht die Rede. Sowohl die Industrie, wie auch Tausende Affenjäger und ihre Familien lebten einträglich von dem „Verbrauch“ der Affen.

Wir erfahren aus dem Buch, welche Folgen der Ausbruch des MarburgVirus in den Zeiten des Kalten Kriegs hatte. Verschiedene linke Zeitungen aus Ost und West beschuldigten die Behringwerke, an biologischen Kriegswaffen zu forschen. Ein Mikrobiologe am Institut für Aerobiologie der Fraunhofer-Gesellschaft, der sich im November 1968 in die DDR abgesetzt hatte, bestätigte die Forschung an biologischen und chemischen Waffen und beschuldigte die Behringwerke, die Rohstoffe dazu zu liefern. Die Bundesregierung versuchte abzuwimmeln und sprach vom rein defensiven Charakter der Forschung. Ein schwaches Argument, wie die Autorin meint, ob defensiv oder offensiv entscheidet ja erst der Einsatz der Kampfstoffe, die Forschung ist in beiden Fällen die gleiche. Aufhorchen lässt auf jeden Fall, dass das Marburg-Virus Jahre später auf seine Kriegstauglichkeit getestet wurde und dass es heute auf einer Liste steht, die als „Dreckiges Dutzend“ bezeichnet wird. Es handelt sich dabei um Erreger und Giftstoffe, die als besonders gefährliche Kampfstoffe eingestuft werden. Bis heute ist auch nicht geklärt, ob die Behringwerke direkt oder indirekt an biologischer Kriegführung beteiligt waren. Da gäbe es noch eine Forschungslücke, die geschlossen werden müsste.

All das bisher Berichtete lässt das Buch zu einem spannenden Lesevergnügen werden, zumal es in einem flüssigen, nie ermüdenden Stil verfasst wurde und sich auf handliche 130 Seiten begrenzt. Was das Buch aber noch besonders auszeichnet ist, dass es den unmittelbar Betroffenen und ihren Angehörigen Gelegenheit gibt, über dieses erlebte Trauma zu berichten. Ebenso wie der Autorin, die ihre Erinnerung und ihre Gefühle, was die Geschichte des Marburg-Virus betraf, über Jahrzehnte zu deckeln versuchte, ging es ja auch den vielen anderen, die unmittelbar von den Geschehnissen berührt worden waren.

Friederike Moos fuhr nach Marburg und traf mit ihnen zusammen und ließ sie die Geschichte in ihren eigenen Worten nochmals berichten. Diese Interviews sind an vielen Stellen in das Buch eingestreut. Wir haben es hier mit der besten Umsetzung des Anspruchs der Oral History zu tun, nämlich dem Bericht der Zeitzeugen, die in eigenen Worten Geschichte für Außenstehende eindrücklich erfahrbar machen. Die Autorin konnte selbst den Erfolg ihrs Buches erleben. Vor einigen Wochen war sie in Marburg und sprach vor über hundert interessierten ZuhörerInnen. Diese Leseveranstaltungen sollen fortgesetzt werden. Vielleicht können wir sie auch mal in Freiburg hören, denn seit 1968 lebt und arbeitet sie hier.

Bild: Titelblatt
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