Projekt „Zeitstrom“ und Fluchtursache Krieg: Die Ge üchteten und ihre Geschichte gehören dazu!

In Mannheim werden große ehemals von der US-Armee genutzte Kasernenflächen frei und der Gemeinderat berät intensiv über die Nutzung. Neben dem vorrangigen Interesse als Gelände für Wohnungen soll aber auch die Erinnerung an die vergangene Nutzung erhalten bleiben. Das KommunalInfo Mannheim berichtet aus der Diskussion im Gemeinderat hierzu:

Im letzten Unterausschuss Konversion wurde die Weiterentwicklung des Projekts „Zeitstrom“ diskutiert und anschließend im Hauptausschuss beschlossen. Das Projekt hat durchaus das Potenzial, Geschichtsbewusstsein zu fördern und politische Bildung zu betreiben – neben allen anderen kulturellen bis sportlichen Impulsen, die angedacht sind. Aber dafür ist noch einige Anstrengung erforderlich.

Ausgangspunkt für die Idee des „Zeitstrom“ auf den nördlichen Konversionsflächen waren 2014 bürgerschaftliche Ideen aus der ersten Beteiligungsphase. Coleman sollte beispielsweise urzeitliches Leben am Rhein in Erinnerung rufen, Franklin vor allem die Phase der amerikanischen Präsenz unmittelbar nach der Befreiung vom Nationalsozialismus. Stichworte beispielsweise „Schule der Demokratie“ und Jazz und Blues.

Schon damals erfolgte der Hinweis der Linken im Gemeinderat, dass dies ein sehr berechtigter, aber zu kurz gesprungener Ansatz sei. Die Geschichte der US-Streitkräfte in dieser Stadt und in Europa ging bekanntlich weiter: Vom Kalten Krieg über den „Krieg gegen den Terror“ bis ganz aktuell zu militärischen Drohgebärden gegen Russland im Zusammenhang des Ukrainekrieges. Die überraschende Nicht-Rückgabe von Coleman durch die US-Army ist bekanntlich diesem Umstand geschuldet. Tatsächlich setzt die jetzt präsentierte Vorlage folgende Schwerpunkte:

  • „die Vorgeschichte von Flächen und damit prähistorische Dimensionen der Rheinlandschaft Mannheims,
  • die US-Geschichte in Mannheim (Schwerpunkt: Zeitgeschichte 1945 bis 2011)
  • Perspektiven, die sich aus diesen Impulsen von Demokratie und Globalisierung ergeben in einer heterogenen Stadt der Zukunft (Zusammenleben in Demokratie)“ (V 174/2016) 
Immerhin also nun im Focus: (Fast) die gesamte US-Präsenz in Mannheim. Unter aktuelle Tendenzen wurde aufgenommen: „Schreibwerkstatt: Unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge / Frauen und Mädchen“ (V 174/2016, Anlage 1). 
Aber ein richtiger Schuh wird erst daraus, wenn die Geflüchteten-Schicksale auf den Konversionsflächen in den historischen Zusammenhang genau dieser Konversionsflächen eingeordnet werden: Einst lebten hier bis zu 12 000 US-Militärangehörige mit ihren Familien. In der Zeit nach 9/11/2001 hatten die US-Niederlassungen in Mannheim neben dem Airforce-Stützpunkt Ramstein zentrale Aufgaben in der logistischen Versorgung im „Krieg gegen den Terror“, der die „Neue Weltordnung“ im Sinne der USA und auch der Europäischen Union herstellen sollte. Die Kriege im Irak und Afghanistan wurden von Mannheim aus beliefert. Auch Mannschaften pendelten zwischen diesen Kriegsschauplätzen und Mannheim. 
Spätestens seit der militärischen Zerschlagung der Bundesrepublik Jugoslawien werden die Kriege des westlichen Bündnisses mit angeblich humanitären Zielsetzungen begründet. Besonders verwerflich ist dabei der legitimatorische Rückgriff auf den Verteidigungskrieg der Alliierten gegen das nationalsozialistische „Dritte Reich“. Hier gibt es viel aufzuklären. Insbesondere auch deshalb, weil die modernen Kriege des Westens angeblich auch die Herbeiführung und Verankerung demokratischer Strukturen in den Zielgebieten bewirken sollen. Die Mannheimer US-Kasernen, die teilweise zuvor schon Nazi- bzw. auch kaiserliche Kasernen waren, bilden einen idealen Ort, um in einem dort geplanten „Haus der Demokratie“ über die widersprüchliche Geschichte von Krieg und Demokratie zu diskutieren, beginnend mit dem antidemokratischen Kaiserreich, der Weimarer Republik mit ihrem Mangel an Demokraten und der Folge des Nationalsozialismus.

In Zeiten, in denen einerseits „Reichsbürger“ noch von andauernder Besatzung herumraunen (unter Beteiligung des Mannheimer Idols Xavier Naidoo), in denen Antiamerikanismus die Geschichte ebenso klittert wie Islamophobie und imperiale „Abendlands“-Überheblichkeit, sind solche Diskussionen an historischem Ort außerordentlich wünschenswert.

Ein damit in Zusammenhang stehendes weiteres zeitgeschichtliches Thema findet auf den Konversionsgeländen derzeit sichtbaren Ausdruck: Das allseits bewegende „Flüchtlingsproblem“. Komprimierter kann sich Zeitgeschichte kaum in einem Ort konzentrieren als auf unseren Konversionsflächen. Hier fand ein „Austausch“ der US-Garnison gegen eine Bedarfs-Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete, statt, die zu einem großen Anteil aus eben jenen Kriegsregionen stammen, in denen das westliche Militär aus der Rhein-Neckar-Region heraus versorgt und auch befehligt wurde.

Den Zusammenhang zwischen Flucht und ihren Ursachen aufzuzeigen, Schuld und Verantwortung ebenso zu benennen wie die daraus resultierende Verpflichtung zu helfen – auch dazu sind die Kasernengelände, ist ein Haus der Demokratie bestens geeignet. Wer beispielsweise die Wahlerfolge der AfD beklagt, sollte jede Gelegenheit nutzen, die von dieser Partei vollkommen aus dem geschichtlichen Kontext gerissene und dann instrumentalisierte „Flüchtlingsproblematik“ wieder in den richtigen Zusammenhang zu rücken.

Die Reaktion von Herrn Südmersen, Fraktionsvorsitzendem der CDU, auf das von der Linken geäußerte Ansinnen, den „Zeitstrom“ über 1950 hinaus zu verfolgen, war der schlichte Zwischenruf: „Auf keinen Fall!!“ Ansonsten wurde das Projekt „Zeitstrom“ bis 2018 mit 150 000 Euro städtischen Geldes ausgestattet; es soll zunächst weiter von der MWSP betreut werden. Es gab keine Gegenstimmen, nur eine Enthaltung von Herrn Will (ALFA).

Übrigens hat sich die MWSP, die eigentlich für teilweisen Abriss und Neugestaltung der ehemaligen Militärgebäude zuständig ist, dankenswerterweise konservatorisch betätigt und eine Sammlung von „Relikten“ angelegt und gesichert. Darunter auch Gegenstände aus jenem Gerichtssaal, aus dem beispielsweise die „Süddeutsche Zeitung“ am 19.5.2010 berichtete: „Unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen hat auf einem Mannheimer US-Stützpunkt die Anhörung von vier amerikanischen Soldaten begonnen, die im Abu-Ghraib-Gefängnis bei Bagdad irakische Gefangene misshandelt haben sollen.“

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