„Wer über Hitler spricht, spricht nur über sich selbst“?

München war Brutstätte der NS-Bewegung, die nach der Machtergreifung der Stadt den Titel „Hauptstadt der Bewegung“ verlieh. nach der Niederlage gingen Eigentumsrechte der NS-Organisationen auf den Freistaat Bayern über. so eine Vielzahl von Bauten und Grundstücken, so aber auch das Urheberrecht an NS-Publikationen. wie soll die Auseinandersetzung mit dem baulichen und geistigen Gegenständen geführt werden, interessiert die Bürgerinnen und Bürger der Stadt und die Institutionen des Freistaats in besonderer Weise. Und so begegnet auch die Stadtratsgruppe der LINKEN immer wieder Initiativen, die Auseinandersetzung mit diesen Spuren der Vergangenheit einfordern. anlässlich der Diskussion um die Edition von Adolf Hitlers Schrift „Mein Kampf“ hat der Kurt-Eisner-Verein (Rosa-Luxemburg-Stiftung in Bayern) sich dem Thema gewidmet. Beiträge zweier Veranstaltungen erscheinen jetzt in einer Ausgabe der Studienreihe zivilgesellschaftliche Bewegungen – institutionalisierte Politik). Wir dokumentieren den Veranstaltungsbericht und daran anschließende Fragen an Prof. Dr. Klaus Weber, Autor des im Argument Verlag zu diesem Thema erschienen Buches „Adolf Hitler nach-gedacht: Psychologie, Person, Faschismus“.

Der Ablauf des Urheberrechts an Hitlers „Mein Kampf“ und die dadurch wieder mögliche Veröffentlichung hat in den vergangenen Jahren nicht nur eine Diskussion über das Werk an sich ausgelöst, sondern auch die Person Hitlers selbst wieder in den Vordergrund gerückt. Seit langem gibt es Stimmen, die davor warnen, den Faschismus als Produkt einer einzelnen Person darzustellen, auf den nahezu die gesamte deutsche Bevölkerung lediglich „hereingefallen“ seien. Unbeschadet dessen wird Geschichte natürlich von den handelnden Akteuren gemacht, die keineswegs einer bestimmten, historischen Situation nur als Marionetten eines prädestinierten und prädestinierenden Schicksals ausgeliefert sind. Es ist daher nicht unverständlich, dass es ein Interesse auch an dem Menschen gibt, der zum Zeitpunkt des größten Verbrechens der Menschheitsgeschichte an der Spitze des Staates stand, der für dieses Verbrechen verantwortlich zeichnet.

Prof. Dr. Klaus Weber, der ehrenamtlich die Historikergruppe am Institut für Zeitgeschichte (München) bei der Edition der kommentierten Ausgabe von Hitlers Mein Kampf beriet, hat sich mit seinem Buch „Adolf Hitler nachgedacht – Psychologie, Person, Faschismus“ sehr kritisch in die laufenden Debatten um die Veröffentlichung von „Mein Kampf“ und die Debatten um die Person Hitlers eingemischt. Wie groß das Interesse an einer kritischen Auseinandersetzung nicht nur mit Hitler, sondern auch an der kritischen Auseinandersetzung selbst ist, zeigt die Tatsache, dass bei der Vorstellung des Buches am 28.1.2016 die Räume des Kurt-Eisner-Vereins mit gut 60, vor allem jüngeren Interessierten, vollkommen überfüllt waren.

Es sind zwei Erfahrungsstränge, die Weber an den Beginn seines Buches stellt. Zum einen die der öffentlichen Debatte: „Nachdenken, rationales Argumentieren, Abwägen von widersprechenden Darstellungen“ würden meist dort „sofort enden, wo Hitler ins Spiel kommt“ (S. 8). Zum anderen aber auch die weiter vorhanden sein, das unmittelbare Empfinden nazistischer Denkmuster im Alltag: so berichtet er eindringlich von einer Bergtour im Jahre 2015 mit dem Skitourengeher „Ewald“, der anstelle des den meisten anderen schon schwer über die Lippen gehenden „Berg Heil“, die Gruppe am Gipfel regelmäßig mit „Sieg Heil“ begrüßt und am Frühstückstisch locker, die Sprengung sämtlicher „Synagogen und der Juden dazu“ (S. 9) gefordert hatte. Die Diskussion um Hitler erweise sich daher als „never ending story“ (S. 11).

Weber setzt sich daher nicht nur mit der Arbeit des Instituts für Zeitgeschichte, sondern mit den bekanntesten, bisher erschienen Biographien Hitlers auseinander. Dabei geht er von der zentrale These aus, dass „die universitäre psychologische Wissenschaft nichts Brauchbares zu biographischem Material, zur Verflochtenheit von subjektiver Entwicklung und gesellschaftlichen Verhältnissen beitragen kann“ (S. 12). Dies müsse so sein, da die „bürgerliche“ Psychologie keine passende Begrifflichkeiten und Kriterien liefere. Schließlich habe „Bürgerliche Wissenschaft (und um ebendiese handelt es sich bei allen Varianten universitärer Psychologie) (…) die Funktion, das Bestehende und das geschichtlich Gewordene so darzustellen, dass es als unabänderlich und „natürlich“ erscheint“ (S. 45). Die „herrschende Psychologie“ sei daher für die „schalen Erkenntnisse der Historiker unbedingt mitverantwortlich“ (ebenda). Insbesondere den Biographien von Joachim Fest und Volker Ulrich wirft er vor, dass es sich um Entlastungsschriften handele, die nichts erklären. Erreicht werde dies durch eine Pathologisierung und Dämonisierung, die Hitler mystifiziere. Bei Fest komme hinzu, dass in seiner gesamten Darstellung nicht die Menschen als handelnde Akteure auftreten, sondern „das Leben“ oder das „Schicksal“. Mit ähnlichen Methoden werde auch von anderen Autoren, z.B. von dem Chefeditor der kritischen Ausgabe von „Mein Kampf“ ein „Selbstschutz. Eine ganze Wand“ (S. 89) errichtet. Durch die Darstellung als Wahnsinniger, ohne gediegenen Schreibstil werde Hitler letztlich so dämonisiert, dass man selbst nichts damit zu tun haben könne. Dies werde schon dadurch gezeigt, dass der Vorname Hitlers nahezu verschwunden. Auch auf dem Titel der Neuausgabe erscheine er nicht, da Hartmann eine zu große „Intimität“ durch die Verwendung des Vornamens Adolf befürchtet hatte.

Um die Täter zu verstehen, müsse man aber sehen „dass die Nazis und Hitler nicht nur über soziologische und historische (…) Konstruktionen erklärt werden können, sondern vor allem durch die Art und Weise, wie ihre Körper in einem gesellschaftlich vermittelten biographischen Prozess geworden sind.“ (S. 87). Es zeige sich hierbei, dass „Adolf Hitler ein banaler, normaler Mann und Zeitgenosse war“ (S. 77). Das Verstehen sei nach wie vor notwendig, da „die Zeiten andere sein mögen, die Gefahren jedoch nicht geringer“ (S. 80). Dies zeige sich sowohl an den Reaktionen in Webers Heimatstadt Kolbermoor, wo er selbst von Beginn seiner Nachforschungen an mit Ablehnung bis hin zu körperlicher Gewalt konfrontiert war und sich der Stadtrat einschließlich der lokalen

SPD bis heute weigert ein Denkmal für die ermordeten Zwangsarbeiter in einer örtlichen Spinnerei in Erwägung zu ziehen. Zum anderen aber auch auf der großen Bühne in Politik und Wirtschaft wo „Führertypen und Neofaschisten wie Jörg Haider in Österreich, Berlusconi in Italien und Marc Zuckerberg wie Eric Schmidt (Facebook und Google) auf dem Weg in Diktaturen, autoritäre, faschistoide oder auch digitale, waren und sind.“ (S. 79).

Interview mit Prof. Dr. Klaus Weber

Im Folgenden einige Nachfragen, für deren eingehende Beantwortung wir uns bei Prof. Dr. Klaus Weber herzlich bedanken.

Du wirfst der gesamten universitären Wissenschaft vor, die Verhältnisse als unabänderlich darzustellen. Gibt es wirklich überhaupt keine kritischen Stimmen mehr? Wenn nein – wer steuert das?

Wenn es stimmen würde, dann funktioniert das ohne Steuerung. Solche Prozesse sind komplexer Natur und jede Verschwörungstheorie wäre fehl am Platze. Aber: Mir geht es nicht um „die ganze Wissenschaft“ – ich schreibe und rede weitgehend von der universitären Psychologie. Und tatsächlich: Aus unterschiedlichen Gründen hat sie sich zu einer Herrschafts- und Kontrollwissenschaft gemacht. Es gibt praktisch keinen psychoanalytischen Professor mehr an den Unis – und auch jegliche kritischen Stimmen sind weitgehend zum Verstummen gebracht. Kritische Psychologie existiert an den Fachhochschulen; dort (vor allem in den Fakultäten für Soziale Arbeit) wird auch kritisches Wissen benötigt. SozialarbeiterInnen sind schließlich diejenigen, welche den „Laden“, wie Angela Merkel vor Jahren sagte, „zusammenhalten müssen“; d.h. sie sind es, die an den Schnitt- und Bruchstellen arbeiten, wo Menschen ausgegliedert, ausgesondert, ausgegrenzt werden, weil sie im System keinen Platz mehr haben und rausgefallen sind oder rausgeworfen wurden.

Dass eine kritische Psychologie dort ebenso wichtig ist, wie kritische Pädagogik, Ökonomie etc., ist logisch. Also: Es gibt kritische Stimmen – aber nicht innerhalb des Studienfachs Psychologie.

Was ist kritische Psychologie, mit welchen Methoden arbeitet sie und wie unterscheidet sie sich von der „bürgerlichen“ Psychologie?

Die Kritische Psychologie ist eine marxistisch grundgelegte Subjektwissenschaft. Ihr geht es darum, die Handlungsmöglichkeiten und -behinderungen der Einzelnen nicht in subjektiven Problemen, Störungen etc. zu suchen, sondern in den Strukturen des gesellschaftlichen Lebens der Einzelnen. Anders gesagt: Subjekt und Gesellschaft werden nicht auseinandergerissen (wie in der traditionellen Psychologie; Lohnarbeit als Grundlage des Lebens und Überlebens im Kapitalismus kommt dort gar nicht vor), sondern zusammengedacht. Sie ist keine eigene Theorie, sondern eine Denkweise, die in der Lage ist, Theorie und Praxis, Subjekt und Gesellschaft, Denken, Fühlen und Handeln so zu verstehen, dass die einzelnen Menschen in diesen Zusammenhängen theoretisch zu ihrem Recht kommen. Allerdings gilt auch (mit Ernst Bloch): Menschen in einem Sinne, dass wir auch unsere menschlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten entfalten können, werden wir erst durch den Prozess der Abschaffung einer auf Pro t und Waren orientierten Gesellschaft: Auf dem Weg zur Befreiung können wir einen „Vorschein“ dieses Menschseins auch erleben. Kritische Psychologie ist ein Handwerkszeug, das uns begrifflich – und damit auch praktisch – in die Lage versetzt, Probleme nicht als „natürlich“ oder „persönlich“ zu verstehen, sondern als Anordnungen, die wir gemeinsam mit anderen hinter uns lassen können. Ein Beispiel: ADHS ist eine Diagnose, die vor allem Kinder bekommen. Aber wer hat eigentlich Probleme? Die Eltern, die Lehrer und was weiß ich haben Probleme mit Kindern, die nicht 6, 7 Stunden in Schulen sitzen wollen und langweiligen Unterricht über sich ergehen lassen müssen. Schule ist Zwang. Hat jemand schon mal überlegt, dass irgendetwas mit den Eltern, den Familien, den Lehrern und den Schulen nicht stimmt, wenn Hunderttausende von Kindern Ritalin bekommen, um sich besser konzentrieren zu können? Hier kann ein kritisch-psychologischer Ansatz sowohl theoretisch als auch praktisch weiterhelfen. Mehr dazu sind in der von mir herausgegebenen Reihe: texte kritische psychologie in dem Bändchen zu Kinder, Sucht, Störungen, soziale Arbeit und Lebensführung erschienen.

Kann die kritische Psychologie Menschen, die mit Ängsten oder anderen von der „bürgerlichen“ Psychologie als Störung bezeichneten Zuständen zu einem Vertreter derselben kommen, „helfen“?

Ja und nein. Wie Bert Brecht sagt: Wo Hilfe ist, ist auch Gewalt. Ein Kritischer Psychologe wird nicht einfach „helfen“, sondern auch das widersprüchliche Verhältnis eines Psychologen zu seinem Klienten im Blick haben. Jede Hilfe ist eben auch Entmündigung. Das heißt nicht, dass ich als Psychologe Hilfe verweigere. Aber mir muss klar sein, in welchen Verhältnissen (auch Machtverhältnissen) ich welche Funktion habe. Klar bin ich Begleiter, Ratgeber und auch Helfer. Aber ich bin auch einer, der Menschen mit Problemen ermutigt, sich nicht als gestört, problematisch und krank zu betrachten – sondern ihnen dabei hilft, sich als Mensch mit Bedürfnissen und Fähigkeiten zu erkennen. Und weder seine Bedürfnisse noch seine Fähigkeiten sind in dieser Gesellschaft immer und überall gefragt. Manches Leid hängt sehr viel mehr mit der Zweckrationalität, der Profitlogik und den Arbeits- und Lebensweisen des Neoliberalismus zusammen (man denke nur an diesen „Wahn“, Zeit einzusparen) als mit subjektiven „Mängeln“. Früher gab es in der Sozialarbeiter das Ziel, dass sich SozialarbeiterInnen überflüssig machen, weil sie politische Verhältnisse schaffen helfen, in denen die Form von paternalistischer Hilfe, wie sie heute oft geleistet wird, überflüssig wird. Dieses Ziel mag alt sein: als Richtschnur finde ich es unabdingbar für jeden sozialen Beruf.

Im Standardwerk für alle Psychologiestudentinnen und -studenten, dem „großen Zimbardo“ (Philipp Zimbardo: Psychologie) ist viel von biologischen Grundlagen des Erkennens, Denkens und Werdens die Rede. aber eben auch von gesellschaftlichen Strukturen und sozialen Interaktionen. Du kritisierst, dass die Psychologie, den einzelnen zu wenig in seine gesellschaftlichen Zusammenhänge einbinde. aber ist nicht gerade dieser Blick auf das Individuum eben der spezifische Blickwinkel der Psychologie, der sie als separate – natürlich nicht isolierte – Wissenschaft rechtfertigt?

Gesellschaftliche Strukturen? Bei Zimbardo gibt es keine Arbeitslosen, keine Lohnarbeiter, keine Erwerbsarbeit, die etwas mit den Problemen der Menschen zu tun haben. Es gibt Anlage und Umwelt – und darüber hinaus wenig mehr. Aber wodurch ist unser aller Leben bestimmt: Bei Strafe I von Hartz IV sind wir „in die Ketten des Lohnerwerbs gezwungen“, wie ein ehemaliger Freund von mir sagte. Die soziale Grundlage für alle Subjekte in dieser Gesellschaft – die Produktion von Waren und Lebensmitteln; die Distribution; die Konsumtion – mit all ihren komplexen Strukturen, Prozessen und Facetten kommt ebenso wenig vor wie die menschliche Möglichkeit – und erst dann sind wir Menschen –, dass wir die Bedingungen unseres Lebens selbst in der Hand haben. Psychologie muss die ganze Welt im Blick haben und das Subjekt in den Mittelpunkt stellen. Bei Zimbardo kommt noch nicht einmal ein Ansatz von Welt, Gesellschaft und kapitalistischer Produktions- und Lebensweise vor.

Volker Ulrich schreibt in seiner Biographie Hitlers, dass eine überfürsorgliche Mutter zu Hitlers Entwicklung negativ beigetragen habe, was im Umkehrschluss bedeute, dass „Schläge in der Kadettenanstalt und brutale Prügel, Demokraten aus den Jungs gemacht“ hätten. Bei aller zulässigen Überspitzung in der politischen Auseinandersetzung: gibt es nicht mehr Arten, Kinder „falsch“ – also, dass ihnen wichtige Fähigkeiten, mit der Welt zurecht zu kommen, fehlen – zu erziehen, als körperliche Gewalt?

Du sprichst hier zwei Dinge an, die ich gerne problematisieren würde. Erstens: Eine direkte Ableitung, dass und wie Erfahrungen unserer Kindheit zu irgendwelchen Handlungen oder Haltungen führen würden, die wir als Erwachsene an den Tag legen, ist ein Fehlschluss (der gerne auch mit psychoanalytischen Theoremen verknüpft wird). Die „Vergesellschaftung“ eines Menschen umfasst aber doch viel mehr als sein Zusammensein mit den Eltern: Da gibt es die Krippe und den Kindergarten, die Schule und die Peergroup, die Kirche (wenn es sie denn gibt im Leben des Kindes) und die ersten Liebesbeziehungen, die ersten Zigaretten oder Joints und das erste Rendezvous im Wald oder im Schwimmbad – nicht zu vergessen die Zeiten, in denen wir rumlungern oder Praktika oder Ferienarbeit machen, um ein bisschen Geld zu verdienen. Also: die gesellschaftliche Wirklichkeit umfasst einiges mehr als das Eltern-Kind-Verhältnis. Eine der großartigsten, aber auch m.E. unsinnigsten Theorien, die so tut, als könnte sie vieles erklären, ist die Bindungstheorie. Alle führen sie im Mund (selbst Hitlerspezialisten glauben aus Hitlers Bindungsverhalten irgendetwas Abartiges ableiten zu können) und das Wichtigste dieser Theorie wird gerne übersehen: Es gibt keine handfesten empirischen Belege für einen Zusammenhang von Bindungsform in der frühen Kindheit und Verhalten im Erwachsenenalter.

Zweitens: Die Erziehungsform selbst ist doch problematisch: Sie ist ideologisch wie materiell als Herrschaftsverhältnis zwischen Erwachsenen (Erziehern) und Kindern (Zöglingen) zu verstehen. Um das Ganze in eine Befreiungsperspektive in Richtung auf eine wirkliche menschliche Gemeinschaft drehen zu können, stellst Du Dir einfach mal vor, Erwachsene und Kinder leben als Menschen zusammen und werden zusammen älter – als Lebenspartner. So lernen beide voneinander und passen auch gegenseitig aufeinander auf. Du merkst in dieser Perspektive, dass Erziehung als Form des Miteinanderlebens keinen Sinn mehr macht. Also ist der Versuch, mit Kindern zu leben und sie nicht zu erziehen, ein „Vorschein“ – wie Ernst Bloch das nennt, einer Welt, in der wir als Menschen leben können; alles andere ist den Zwängen und der Logik einer kapitalistischen Produktions- und Lebensweise geschuldet – und darin sind wir noch nicht einmal am Beginn des Zeitalters, in dem wir als Menschen mit all unseren Bedürfnissen und Fähigkeiten bezeichnen können.

Du beschreibst Hitler als letztlich „banalen, normalen Zeitgenossen“ und „klugen und strategischen“ Politiker? Der Mann ist neben vielem verantwortlich für die plan-, und fabrikmäßige Ermordung von 6 Millionen Juden und einen krieg der „bis zur letzten Patrone“ weitergeführt wurde, obwohl bereits seit mehreren Jahren klar war, dass er nicht gewonnen werden konnte. Ist hier wirklich jede Pathologisierung illegitim?

Legitim ist alles, was Anderen nicht weh tut. Die Frage stellt sich doch viele eher, ob mir und Dir es weiterhilft, wenn wir Hitler auf die Couch legen oder als Psychiatriepatienten denken. Klaus Theweleit beschreibt in seinem neuen Buch sehr gut, dass sich Politiker wie Hitler oder Breivik, der norwegische Massenmörder, nicht auf der Folie eines Patienten abbilden lassen. Wir müssen und können sie als Politiker verstehen und als Kritischer Psychologe kann ich auch nachvollziehen – wenn ich vorher nicht kotzen muss – wie und warum Breivik (oder Hitler) welche Menschen als Untermenschen, als Zerstörer einer Welt, die ihnen als „heilig“ erscheint, deklarieren. Mir geht es um die Funktionalität, die eine Psychiatrisierung bzw. eine Pathologisierung von Politikern birgt: Sie dient immer dazu, dass wir die Dinge, die seelisch weh tun könnten, nicht an uns ranlassen wollen. Selbstschutzmauern aufbauen, um glauben zu können, wir seien die Guten. Wenn Hitler ein Volltrottel bzw. ein Verrückter war, muss ich auch über die Logiken und Dynamiken seines Handelns nicht mehr nachdenken; aber wie bitte erkläre ich dann, dass Millionen von Deutschen und auch viele deutsche Frauen diesen Mann unterstützt, verehrt und geliebt haben?

Du schreibst, dass jede „moralische Diskreditierung einzelner“, das System als Ganzes reinwasche. Heißt dies, dass der einzelne keine Verantwortung trägt? Gibt es systemische Veränderungen, die eine faschistoide Entwicklung wirklich dauerhaft ausschließen oder zumindest die Gefahr deutlich reduzieren. wenn ja, welche?

Faschisierungsgefahr. Gibt es eine? Gibt es keine? Ich weiß es nicht. Ich habe erstmal Angst vor denen, die sagen, sie hätten Angst vor den Menschen, die wegen Hunger, Krieg und ökonomischen Desastern aus ihren Heimatländern fliehen. Ich bin nicht davon überzeugt, dass wir ein demokratisches Gemeinwesen sind und dass die Decke der Zivilgesellschaft dick ist. Ein Eisberg, dessen Spitze wir in AfD und Pegida sehen, hat sechs Siebtel unter der Wasseroberfläche schwimmen. Aber die Gewässer – auch dies ein 30 Jahre altes Theweleit-Zitat – sind insgesamt kalt. Sigmar Gabriels Ausspielen des deutschen Arbeitnehmers gegen die Flüchtlinge, Sahra Wagenknechts rassistisch unterlegte Sprüche vom „Gastrecht“, das ein Mensch verwirken kann, wenn er nicht die deutschen Werte akzeptiert; dazu die offen reaktionäre Asylgesetzgebung von CSU/CDU und SPD, unterstützt von Kretschmanns Grünen. Alle wollen den völkischen Nationalisten Stimmen wegnehmen und tun dies, indem sie das Original nachzumachen versuchen. Wir wissen, was ein solches Taktieren bewirkt: die Völkischen, Identitären werden stärker werden – und es wird auch nicht lange dauern, dann wird es nicht nur verletzte Flüchtlinge geben, sondern auch Angriffe auf Behinderte, Homosexuelle und Sozialisten/Kommunisten. Wer heute von Verantwortung redet und von „Lernen aus der Geschichte“: hier hat er ein Feld, in dem es genügend zu tun gibt, um zu zeigen, was Demokratie und antifaschistisches Handeln ist. In Bayern haben wir es noch dazu mit einem Staatsund Polizeiapparat zu tun, der die rechte Gewalt verharmlost und die völkisch-rassistischen Bewegungen gewähren lässt. Wenn ich an Anti-AKW-Demos in Wackersdorf und an Aktionen gegen Pershing II und Cruise Missiles denke, und daran, dass wir als junge linke Menschen für ein paar kritische Sätze in U-Haft mussten oder Menschenmassen eingekesselt wurden – und wenn ich heute sehe, wie es offen erlaubt ist, dass zu Gewalt gegen Politiker und Journalisten und Flüchtlinge von AfD-Leuten aufgerufen wird und wir deren „Ängste verstehen“ sollen: Ja, eine Faschisierungsgefahr sehe ich deutlich – aber die Formen werden völlig andere sein als in den 1920er und 1930er Jahren.

Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“, so schon Max Horkheimer – Muss man überzeugter Marxist sein, um den Faschismus zu verstehen?

Niemand muss Marxist sein – aber es erleichtert das Leben ungemein, wenn Du Marx gelesen und auch verstanden hast. Wie Bert Brecht sagt: Danach wirst Du nie mehr wieder wirklich gut in Geschichte und Philosophie sein (in den „Flüchtlingsgesprächen“). Ich lese jeden Tag den Wirtschaftsteil der FAZ und bin erstaunt, wie gefällig kluge Leute das Geschäft des Kapitals betreiben und den Klassenkampf von rechts bzw. im Sinne der Kapitalfraktionen betreiben (Heike Göbel als Wirtschaftsredakteurin macht das in Reinform). Wer das liest und keine Orientierung hat – die Marx & Engels & Gramsci und andere marxistische AutorInnen durchaus geben können –, der ist den Argumentationslogiken hilflos ausgeliefert. Und wenn Du einmal verstanden hast, dass „Ausbeutung“, „Kapitalismus“, „Warenproduktion“ und vieles andere analytische Begriffe sind, die unsere Produktionsweise treffend beschreiben, dann siehst Du plötzlich Licht in diesem ideologischen Irrgarten der Oberflächenökonomen. Und Licht ist in Zeiten, in denen Nebelwerfer wie Facebook, Amazon & Google die Hirne und Seelen verdunkeln, nicht das Schlechteste…

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