1918: Frieden und Demokratie, Rätebewegung, Frauenwahlrecht und Koalitionsfreiheit

All diese weltweit umlaufenden Ideen und Ziele blieben im kaiserlichen Deutschland Sache der Opposition und wurden erst mit dem Untergang des Reichs bestimmend, der zudem plötzlich kam und schnelle politische Antworten erforderte.

Die Hoffnung auf den Sieg enttäuscht

1918: Im fünften Kriegsjahr beklagte die Bevölkerung des Deutschen Reiches bereits viele Hunderttausende gefallener Soldaten. Dennoch wollte das Kaiserreich weiterhin einen „Siegfrieden“. Hoffnung schöpften die Herrschenden aus dem Raubfrieden von Brest-Litwosk und einer Offensive, die bis 60 Kilometer vor Paris führte: Aber der Krieg war verloren. Führungspersonal und Institutionen mussten nun die lange und verantwortungslos genährte Hoffnung auf den Sieg selbst widerrufen. Ihre Legitimation war dahin, die militärische Autorität zerbrochen.

Das Deutsche Kaiserreich entstand 1871 nach dem Sieg über Frankreich. Soldatischer Gehorsam und Opferbereitschaft waren Staatsraison. Als der kaiserlichen Marine am 22./23 Oktober befohlen wurde, in einer letzten Schlacht gegen die britische Flotte unterzugehen, weigerten sich die Matrosen, die Anker zu lichten. Nach Kiel verlegt, suchten und fanden sie Kontakt zu den Gewerkschaften, zur USPD und zur SPD. Das Flottenkommando rief die Reichswehr zu Hilfe, aber die Soldaten verbrüderten sich mit den Matrosen und Arbeitern. Am Abend des 4. November hatte sich der Aufstand durchgesetzt. In ganz Nordwestdeutschland bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte. Am Morgen des 9. November gab der letzte kaiserliche Reichskanzler Max von Baden auf Drängen Eberts den Thronverzicht Wilhelms II. bekannt. Am 11. November fügte sich die Regierung in Waffenstillstandsbedingungen, die eine Wiederaufnahme der Kampfhandlungen unmöglich machten.[1]

Soldat = Mann

Mit der politischen Autorität des Kaisers und obersten Kriegsherrn war auch das Ansehen des Soldaten dahin. Von alters her verp ichtete die Tradition den Mann zum Schutz von Heimat und Familie und zum wenigstens notdürftigen Unterhalt der Seinigen. So stellten der Hunger der Heimat und die umfassende Niederlage an der Front auch die Unterordnung der Frau in Frage. Überanstrengung und Unterernährung zerrütteten das Vertrauen in das Leistungsvermögen der kapitalistischen Wirtschaft. Schließlich und nicht zuletzt ging auch die Treue der Bauernschaft zu den Dynastien in Bruch. Denn die Bauernfamilie zieht den Nachwuchs nicht für das Schlachtfeld heran, sondern für den Acker.

LESEEMPfEHLUNG

Christiane Sternsdorf-Hauck, Brotmarken und rote fahnen. frauen in der bayerischen Revolution und Räterepublik 1918/1919. Neuer ISP Verlag, September 2008. ISBN 978-3-89-900-130-3

Die 2008 neu aufgelegte und erweiterten Ausgabe der zum 70jährigen Jahrestag der Räterevolution in Bayern erstmals erschienen Edition zeitgeschichtlicher Dokumente erschließt die Bedeutung von Personen und Verbänden der Frauenbewegung für die entstehende Demokratie, denn auch innerhalb der demokratischen und revolutionären Bewegung waren Aversionen gegen die soziale Gleichstellung der Frauen zu bekämpfen:

„Bezeichnend ist auch das Protokoll einer Sitzung des Soldatenrates: ,Unterleitner (Minister für soziale Fürsorge): ,Die Frauenarbeit soll ebenfalls geschützt sein.‘ Zuruf: ,Am besten wäre ja die Abschaffung der Frauenarbeit‘. Rufe: ,Sehr richtig!‘“ (S. 38)

Auch die politischen Gleichheit der Geschlechter wurde angefochten, z.B. im Entwurf eines Gesetzes über die Bildung von berufsständischen Räten, die die breite Masse der Frauen vom aktiven und passiven Wahlrecht zu den Arbeiterräten ausschlossen:

„Von der Ausübung des Wahlrechts sind ausgeschlossen: 1. (…)
2. Familienangehörige, die ausschließlich oder vorwiegend im Haushalt der eigenen Familie beschäftigt sind.“
„Die Frauen werden von der Wahl nicht grundsätzlich auszuschließen, jedoch nur so weit zu berücksichtigen sein, als sie nicht bloß im Haushalte, sondern in wirtschaftlichen Betrieben tätig sind“ (S. 49)

Die Bedeutung der Frauenverbände belegt die Liste der acht Frauen, die trotz solcher Widerstände unter die 256 Mitglieder des „Provisorischen Nationalrats Bayern“ vordrangen:

Hedwig Kämpfer, Kaufmannsgattin (Landesarbeiterrat/Revolutionsausschuss);

 

Aloisia Eberle, Verbandssekretärin (Ortskartell der Christlichen Gewerkschaften Münchens);

 

Helene Sumper, Hauptlehrerin a. D. (Bayrischer Lehrerinnenverein);

 

Marie Sturm, Bezirksoberlehrerin (Verein katholischer bayrischer Lehrerinnen);

 

Luise Kießelbach, Vorsitzende des Hauptverbandes bayrischer Frauenvereine (Rat geistiger Arbeiter);

 

Emilie Maurer (Sozialdemokratischer Frauenverein);

 

Rosa Kempf, Studiendirektorin a.D. (Hauptverband der bayrischen Frauenvereine);

 

Anita Augspurg (Verein für Frauenstimmrecht). (S. 47)

Der Fall Bayern: Neue Ordnung entsteht als Basisbewegung (Martin Fochler)

Der Untergang der alten und die Schaffung neuer Ordnungen ereignete sich zunächst in den Ländern und Regionen. So in der Landeshauptstadt München des Königreichs Bayern, die seit Jahrhunderten Residenz der Wittelsbacher gewesen war.

Für den 7. November 1918, dem ersten Jahrestag der Oktoberrevolution und vier Tage vor der Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrages, riefen in München SPD, USPD und die Freien Gewerkschaften zur Friedenskundgebung auf der Theresienwiese2 mit anschließendem Marsch quer durch die Stadt zum Friedensengel am östlichen Hochufer der Isar. Ziele der Manifestation waren sofortiger Friedensschluss, Abdankung des Kaisers, Kronverzicht des deutschen Kronprinzen, eine Arbeitslosenversicherung und der AchtStunden-Tag. Im Gange dieser großen Aktion, eine Zeitzeugin spricht von „mindestens 250 000“, zogen Trupps von Aktivisten vor die Kasernen Münchens. Die Soldaten schlossen sich den Zielen der Demonstranten an. Noch in der Nacht zum 8. November konstituierte sich ein Arbeiterund Soldatenrat, es oh der bayerische König Ludwig III. aus München und es proklamierte sich der Arbeiterund Soldatenrat zur obersten Behörde „die provisorisch eingesetzt ist, bis eine endgültige Volksvertretung geschaffen werden wird“.

Kombination von Rätebewegung und dem Beamtenstaat

Am 13. November erklärte Ludwig III. auf Schloss Anif (Österreich): „Nachdem ich infolge der Ereignisse der letzten Tage nicht mehr in der Lage bin die Regierung weiterzuführen, stelle ich allen Beamten, Offizieren und Soldaten die Weiterarbeit unter den gegebenen Verhältnissen frei und entbinde sie des mir geleisteten Treueides.“ Die neue Macht und der alte Beamtenstaat wurden so zusammengespannt. Die „Provisorische Nationalversammlung“, vor der sich die Regierung Eisner zu legitimieren hatte, war ein kompliziertes Gebilde, in dem sich Arbeiter-, Soldatenund Bauernräte mit den aus dem aufgelösten Landtag kommenden Fraktionen der Sozialdemokraten und der Bauernbündler sowie einzelnen Liberaler trafen. Die Ablösung dieses Provisoriums durch allgemeine Wahlen wurde mit Eile betrieben. Bereits am 5. Dezember erschien die Wahlproklamation mit dem 12. Januar als Wahltermin.

Die Rätebewegung unterliegt bei den parlamentarischen Wahlen

Nach den Vorstellungen Eisners sollte das Nebeneinander von Rätemacht und repräsentativer Demokratie letztlich in ein verfassungsrechtlich geordnetes Verhältnis gebracht werden. Das am 4. Januar in Kraft gesetzte „Staatsgrundgesetz“ deutet diese Perspektive aber nur vage an. Es zeigen sich da schon die politischen Kräfteverhältnisse, die sich dann bei den Wahlen am 12. Januar herausstellten. Die Partei des provisorischen Ministerpräsidenten Eisner, die USPD, erzielte lediglich 3,5% der Stimmen. Auf dem Weg zum Landtag, wo er seinen Rücktritt erklären wollte, wurde Kurt Eisner von Graf Arco auf Valley ermordet. Im Gegenzug kam es zu einem Anschlag im Landtag, dem zwei Menschen zum Opfer elen und der Führer der SPD, Auer, schwer verletzt wurde.

Verzweifelter Kampf ums politische Überleben – die Niederlage und was blieb

Damit war die Chance dahin, durch repräsentative Demokratie geordnete Staatsverwaltung und Rätebewegung unter einen Hut zu bringen. Die auf dem Feld der parlamentarischen Wahlen weit unter dem Wert ihres sozialen und kulturellen Einflusses geschlagene Bewegung sah ihre politischen Errungenschaften von Annullierung und ihr Personal von Mord und Totschlag bedroht. Sie wehrte sich verzweifelt. Dass sie im Kampf um die politische Macht unterlag, kann den Blick auf ihre strukturierende Kraft verstellen.

Erstens gelang die Verbindung der Forderung nach politischer Demokratie – d.h. Kontrolle des Staatsapparates durch Repräsentanten der Gesellschaft – mit der Idee der ohne Unterschied der Geburt, der Religion, der Geschlechtszugehörigkeit gleichen Menschenrechte, die im allgemeinen gleichen aktiven und passiven Wahlrecht ihre politische Form findet.

Zweitens wurde der Zusammenhang von repräsentativer Demokratie und Koalitionsrechten thematisiert. Gescheitert ist der Versuch, Interessenverbänden in der politischen Verfassung einen Platz einzuräumen. Geblieben ist die rechtlich gesicherte Koalitionsfreiheit, die es möglich macht, individuelles Elend als soziale Frage an die Öffentlichkeit und an das politische System zu adressieren. Der Nutzen für den Kampf um die Rechte Lohnabhängiger und die umfassende Gleichstellung der Frau sind gesichertes politisches Wissen geworden.

Lektüreempfehlung (Matthias Paykowski)

Wir sind Gefangene. Oskar Maria Graf. Erste Veröffentlichung 1927. Neuauflage im Verlag Ullstein.

„Es ist nichts umsonst gewesen.“

Oskar Maria Grafs Erzählung ist autobiogra sch. 1894 geboren in Berg am Starnberger See, verbringt Graf Kindheit und die ersten Jahre seiner Jugend auf dem Land. 1911 ieht er in die Stadt, aus dem als zu eng empfundenen Leben der familiären Backstube, vor allem aber vor den nicht endenden Gewalttätigkeiten des älteren Bruders. Max hat nach dem frühen Tod des Vaters das Regiment in Backstube und Haushalt übernommen. Auch Oskar hat Bäcker gelernt und muss sich fügen. Er ist ein aufmerksamer Beobachter und träumt schon früh davon, sein Leben mit Schreiben zuzubringen. Die ersten Münchner Jahre hält er sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Eine kleine Erbschaft macht Hoffnung. Erste Veröffentlichungen gelingen. Er ndet Zugang zur Münchner Bohème und zu politischen Kreisen um Erich Mühsam. – Dann der Kriegsausbruch: Mobilmachung Russlands. „Dann die deutsche. Ein ungeheurer Ausbruch von Jubel eberte über die Straßen. Alles hetzte. Zusammenrottungen entstanden, die Kasernen standen voll von Freiwilligen“. Auch er muss Ende 1914 zum Militär und wird Anfang 1915 zum Eisenbahnbau nach Ostpreußen kommandiert, dann an die Ostfront. 1916 Lazarett und schließlich die Entlassung: „Mit beharrlicher List hatte ich mich vom Militär befreit.“ Zurück in München: wie zu Einnahmen kommen? – Schiebereien, Schwarzhandel, das Auftun von Geldquellen. Graf berichtet erste aufkommende Kriegsmüdigkeit. Der Hunger zieht ein. Er „drang gewissermaßen auch in die Bezirke der Wohlhäbigeren, wurde Losungswort an jedem Biertisch.“ – Hoffnung: Die ersten Meutereien der Hochsee otte. Versammlungen der Unabhängigen: Eisner spricht! Massenversammlungen auf der Theresienwiese: „Herrgott, heute ist ja ganz München da!“ Die Menschenmassen ziehen zu den Kasernen, die Soldaten schließen sich an. Der Arbeiterund Soldatenrat hält seine erste Sitzung ab, der Kaiser dankt ab, der Kronprinz verzichtet. Graf betrachtet die Entwicklung eher skeptisch, ihm geht es nicht weit, nicht schnell genug und schließlich wendet er sich ab: „Nichts, gar nichts interessierte mich. Bloß – leider wühlte rundherum der Sturm.“ Das Ringen um Demokratie und Räterepublik, dann die Niederschlagung dieses mutigen Versuchs, die grausame Verfolgung – Oskar Maria Graf hat mit seinem Roman wertvolle Beobachtungen hinterlassen.


[1] Daten siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Weltkrieg.

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