Bangladesch: Skandalöse Massenentlassungen

Bangladesch ist der zweitgrößte Kleiderproduzent der Welt. Auch nach mehreren tödlichen Unglücken in Textilfabriken sind die Arbeitsbedingungen immer noch himmelschreiend. Als jetzt Arbeiter gegen Hungerlöhne streikten, wurden sie zu Tausenden entlassen. Viele sitzen sogar im Gefängnis oder sind untergetaucht.

Der Gewerkschafter Babul Akhter ist immer noch fassungslos. Scharf verurteilt er die Niederschlagung des Arbeitskampfes in Ashulia, einer Stadt nahe der Hauptstadt Dhaka, wo Textilarbeiter für höhere Löhne demonstrierten. „Die Polizei hat die Notstandsgesetze missbraucht, um Arbeiterführer und Beschäftigte im wahrsten Sinne des Wortes niederzuknüppeln. Tausende Arbeiter wurden gefeuert und 50 Gewerkschafter sind untergetaucht, um einer Verhaftung zu entgehen“, sagt Akhter, der eine der Textilarbeitergewerkschaften von Bangladesch leitet. Mit einer Online-Petition versuchen die Gewerkschaften unter dem Dach von IndustriAll Global, die Inhaftierten frei zu bekommen.

Begonnen hatte der Protest gegen Hungerlöhne in einem der 350 Textilfirmen von Ashulia. Die Gewerkschaft verteilte Flugblätter, in dem eine Verdreifachung des bisherigen Lohnes gefordert wurde. Derzeit bekommen die Näherinnen 5300 Taka. Das entspricht etwa 63 Euro. Im Monat wohlgemerkt. Der Funke des Widerstands sprang rasch über auf die anderen Betriebe und mündete in einem von Demonstrationen begleiteten Streik.

Die Reaktionen von Staat und Unternehmen waren diesmal besonders drastisch und brutal. Die Polizei feuerte Gummigeschosse auf die Menge und nahm 30 Streikende fest, darunter sieben Gewerkschaftsfunktionäre. Ein Fernsehreporter, der über die Ereignisse berichtete, wurde ebenfalls verhaftet. Die Arbeitgeber verhängten Aussperrungen und Kündigungen. Nach offiziellen Angaben wurden 1500 Textilarbeiter in Ashulia entlassen. Gewerkschaftsvertreter schätzen die Zahl der Entlassungen dagegen auf 3500. Eine Woche lang mussten 55 Textilfabriken in Bangladesch wegen des Streiks der Näherinnen schließen. Die Firmen, die Leute wegen ihrer Beteiligung an dem Arbeitskampf entlassen haben, hängten Namen und Fotos der Betroffenen an die Werkstore, um sie öffentlich anzuprangern.

Der Gewerkschaftsdachverband IndustriAll Global reagierte mit einem Protestbrief an die Bekleidungskonzerne, die in Bangladesch nähen lassen. In dem Brief werden die Unternehmen aufgefordert, sofort mit der Regierung Bangladeschs Kontakt auf zu nehmen. „Ziel ist die sofortige Freilassung der inhaftierten Arbeiterführer“, sagt der Generalsekretär von IndustriAll Global, Valter Sanches. „Alle Anklagen gegen Gewerkschafter und Aktivisten müssen fallen gelassen werden.“ Bisher verweigert die Regierung jedoch jeden Dialog.

Die jüngsten Repressionsmaßnahmen erinnern an die skandalösen Zustände von 2010, als Arbeiterführer in Bangladesch verhaftet, gefoltert und mit dem Tod bedroht wurden. 2012 wurde der Aktivist Aminul Islam brutal ermordet. Noch vor Augen sind die Bilder vom Einsturz der Fabrik Rana Plaza vor über drei Jahren. Damals gingen über 1000 Menschen in den Trümmern des maroden Gebäudes elend zugrunde. Die Textilbranche in Bangladesch steht wegen schlechter Bezahlung ihrer Beschäftigten und gefährlicher Arbeitsbedingungen schon lange in der Kritik von Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen.

Die Textilarbeiter Bangladeschs gehören weltweit zu den schlecht bezahltesten. Der gültige Mindestlohn wurde zuletzt vor drei Jahren erhöht. Die Inflation von jährlich sechs Prozent hat die Kaufkraft der Löhne teilweise wieder aufgefressen. Die Unternehmen der Textilbranche wollen eine weitere Anhebung des Mindestlohns durch die Regierung mit allen Mitteln verhindern und verweisen auf ein Gesetz, das eine Erhöhung der Löhne nur alle fünf Jahre erlaubt. Studien zufolge gibt es in Bangladesch rund 7000 Textilfabriken.

Die Serie von Katastrophen und Skandalen mit Toten, Verletzten und Inhaftierten trüben inzwischen das schöne Bild der Modebranche. In Bangladesch lassen viele große Konzerne wie Gap, Zara und H&M nähen. Diese Unternehmen haben zwar versprochen, die Arbeitsbedingungen bei ihren Zulieferbetrieben zu verbessern. Doch trotz internationalen Drucks hat sich wenig zum Besseren gewandelt. Deshalb bedarf es großer international vernetzter Organisationen auf Arbeitnehmerseite wie IndustriAll Global, die den Finger in die Wunde legen. Die IG Metall ist Mitglied bei IndustriAll und engagiert sich auch bei der Kampagne für saubere Kleidung, um die Arbeitsbedingungen in der Textilbranche weltweit zu verbessern. https://www.igmetall.de, 16.1.2017

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