Kalenderblatt – 3. September 1961 Italien Geburtsstunde der Prävention am Arbeitsplatz

In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts versuchen in Italien Beschäftige, Arbeitsmediziner, Aktivisten und Gewerkschafter einen Ansatz zu entwickeln und in den Betrieben umzusetzen, schlechte Arbeitsbedingungen nicht mehr mit Geld zu kompensieren, sondern die Arbeitsbedingungen selbst zu ändern, zu verbessern. Eine schwunghafte Industrialisierung, schwerpunktmäßig in den Regionen um Mailand und Turin, führte zu einem enormen Ansaugen von Arbeitskräften, die zu großen Teilen aus den ländlichen Regionen des Südens stammen und in die Massenproduktion der Automobil- und anderer Industrien gespült werden. Eine soziale Zusammensetzung der Belegschaften entsteht, die in vielerlei Hinsicht sehr heterogen ist. Gerade die Arbeiter aus dem Süden haben traditionell keine Bindungen zu Gewerkschaften und oft wenig Interesse sich zu organisieren, sind aber auch nicht an die konkrete Arbeit oder gar Betriebe gebunden. Ihr Widerstandpotential ist stark und sicher auch einer der Gründe, warum sich in Italien in dieser Zeit viele gewerkschaftsunabhängige und autonome Strukturen („Basiskommitees“) bilden, die oft von der „68er-Bewegung“ geprägt sind.

Bei Farmitalia in Settimo Turinese, nahe Turin, einer Fabrik die pharmazeutische Produkte herstellt, entstehen Anfang der 60er heftige Auseinandersetzungen um die Arbeitsbedingungen, konkret über die Exposition gegenüber gefährlichen Arbeitsstoffen. Beschäftigte, Arbeitsmediziner und Gewerkschaften beginnen daraufhin eine Untersuchung der konkreten Gefährdungen, erstellen eine Liste der im Umlauf befindlichen Gefahrstoffe und fordern ihren Ersatz durch unbedenkliche Ersatzstoffe. Die konkrete Beschäftigung mit den Arbeitsbedingungen führte aber auch dazu, Einflußmöglichkeiten bei Beurteilung von Gefährdungen und der Gestaltung der Arbeitsbedingungen einzufordern. Traditionell war die Beurteilung von Gefährdungen Sache der Arbeitgeber oder staatlicher Einrichtungen. Die Beschäftigten fordern nun, bei der Beurteilung der Gefährdungen am Arbeitsplatz, aber auch bei der Gestaltung der Arbeitsorganisation einbezogen zu werden, die sie als Ursache für Belastungen und Gefährdungen sehen. Dieser Ansatz wird von anderen Belegschaften aufgegriffen, unter anderem bei Fiat-Miafiori in Turin, bald aber auch in vielen anderen Regionen Italiens. Im September 1961 findet eine Konferenz in Settimo Turinese statt, auf der die Untersuchungen und die Forderungen der Beschäftigten bei Farmitalia vorgestellt werden – gewissermaßen die Geburtsstunde des präventiven Arbeitsschutzes. Die Verbreitung dieses Ansatzes beginnt.

Das Modell findet viel Zustimmung und praktische Unterstützung auch bei Prominenten, wie etwa dem Arbeitspsychologen Ivar Oddone, und wird von diesen aktiv unterstützt. Es wird folgend auch in anderen Ländern aufgegriffen und dient als Orientierung und Bezugspunkt für die jeweilige Forderungsbildung. Die erste Parole „La salute non si vende“ (sinngemäß: Die Gesundheit ist nicht zu verkaufen) ist wohl in der einen oder anderen Form in fast allen europäischen Ländern bekannt.

In den Auseinandersetzungen bei Fiat entsteht ein Leitfaden zur Untersuchung der Arbeitsbedingungen, der so gestaltet ist, dass die Beschäftigten ohne viel Vorkenntnis ihre Arbeitsbedingungen selbst beurteilen können. Jede Gefährdung wird mit Illustrationen dargestellt, berücksichtigend, dass Teile der aus dem Süden kommenden Beschäftigten fast Analphabeten sind. Dieser Leitfaden wird 1969 zuerst von CGIL-FIOM veröffentlicht, aber zwei Jahre später als gemeinsames Dokument aller drei etablierten Gewerkschaftsverbände genutzt und wird in der Folge mehr als 130 000 Mal verbreitet. 1972 treffen sich 3 000 Menschen in Rimini, um über Bedingungen der Fabrikarbeit, arbeitsbedingte Risiken und Wege zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu sprechen. Allein 1971 werden in 4567 Unternehmen Vereinbarungen abgeschlossen, die etwa 50% der Industriebeschäftigten abdecken. Dass die Beschäftigten selbst ihre Arbeitsbedingungen beurteilen ist zentral und weist auf das emanzipatorische Bemühen hin. Die zweite Parole lautete: „Gesundheit kann nicht delegiert werden“.

Als direkte Folge dieser Bewegung kann sicher auch das neue Arbeitsgesetz gesehen werden, das am 20. Mai 1970 von der Regierung verabschiedet wird. Artikel 9 gibt den Beschäftigten das Recht, die Einhaltung von Arbeitsschutzvorgaben am Arbeitsplatz zu überprüfen. In Artikel 18 wird ein weitreichender Kündigungsschutz für die Beschäftigen verankert, und das neue Gesetzt garantiert die freie Meinungsäußerung der Beschäftigten, kein Beschäftigter darf bei der Wahl einer Tätigkeit und im Beschäftigungsverhältnis aufgrund seiner religiösen oder politischen Anschauung diskriminiert werden. Im folgenden Jahr wird ein Gesetz erlassen, das werdende Mütter schützen soll. Es beinhaltet unter anderem das Verbot der Kündigung während der Schwangerschaft und die Freistellung von der Arbeit zwei Monate vor und drei Monate nach der Niederkunft.

Letztlich haben die Konzepte der Prävention und der direkten Beteiligung über die vergangenen Jahrzehnte die Praxis des Arbeitsschutzes in wohl allen europäischen Ländern nachhaltig verändert.

Rolf Gehring/Laurent Vogel, Brüssel

Material zum Thema findet sich in englischer Sprache unter folgendem Link – Materialen eines Seminars vom Februar 2016:

http://www.etui.org/en/Topics/Health-Safety/News/The-struggle-for-health-at-work-the-Italian-workers-model-of-the-1970s-as-a-source-of-inspiration

Einige der großen Chemiekatastrophen

Die Kritik an rücksichtlosem Raubbau und fehlender Sicherheit in industriellen Arbeitsprozessen führt 1982 zu einer der ersten EU-Initiativen im Arbeitsschutz, der sogenannten Seveso-I-Richtlinie, die Standards für die Vermeidung von schweren Unfällen festlegt (82/501/EWG).

21. September 1921. Deutschland: Explosion des Oppauer Stickstoffwerkes mit mindestens 561 Toten.

28. Juli 1948. Deutschland: Kesselwagenexplosion in der BASF mit mindestens 207 Toten.

10. Juli 1976. Italien: Seveso-Katastrophe – eine unkontrollierte chemische Reaktion setzt ungeheure Mengen Dioxin frei.

19. November 1984. Mexico: In Mexico-City sterben mehr als 400 Menschen (manche Schätzungen sagen 5-600) nach einer Kette von Gasexplosionen (San Juanico disaster). Ein explodierender Tanklastzug löst eine Reihe von Explosionen aus. Tausende erleiden Verbrennungen.

3. Dezember 1984. Indien: Katastrophe von Bophal – Methylisocyanat wird in einer unkontrollierten chemischen Reaktion freigesetzt, mindestens 3.800 Menschen sterben.

23. Oktober 1989. USA: im Phillips Chemiekomplex in Huston wird nach Explosion und Brand Polyethylen freigesetzt, mindestens 23 Menschen sterben und 314 werden verletzt.

21. September 2001. Frankreich: In Toulouse sterben 31 Menschen nach einer Explosion, bei der Ammoniak freigesetzt wird.

25. Dezember 2003. Volksrepublik China: In Chuangdonbei werden Erdgas und Schwefelwasserstoff bei einer Gasbohrloch-Explosion freigesetzt, mindestens 191 Menschen sterben.

12. August 2015. Volksrepublik China: Explosionen in Tianjin setzten Natriumcyanid, Calciumcarbid und eventuell weitere Stoffe frei, mindestens 173 Menschen sterben, 797 werden verletzt.

5. November 2015. Brasilien: Der Dammbruch von Bento Rodrigues setzt eine Schlammlawine in Gang, die schwermetallhaltigen Schlamm aus dem Rückhaltebecken eines Erztagebergwerkes in die Flüsse leitet. Mindestens 16 Menschen sterben und ein Fischsterben im Rio Doce setzt ein.

Rolf Gehring, Brüssel

„Wir brauchen keine Erlaubnis!“ – „ Senza chiedere permesso!“ 

In mehreren Städten der Bundesrepublik wurde Ende Januar der Dokumentarfilm „Senza chiedere permesso!“ über die Arbeitskämpfe bei Fiat gezeigt. Fiat-Miafiori war 1969 die größte Fabrik Europas mit 60 000 ArbeiterInnen.

Anwesend waren die Filmemacher Pier Milanese und Pietro Perroti. Letzterer arbeitete von 1969 bis 1985 als Zuständiger für Heizungs- und Belüftungsanlagen bei Fiat und hatte damit Zugang zu allen Fabrikhallen, die über ein Gelände von 32 km verstreut waren.

Der Film erzählt die bewegende Geschichte der sozialen Kämpfe um die Fiatfabrik in Italien von 1969 bis zum Ende des 35-Tage-Streiks bei FIAT 1980, der das Ende eines über 10 Jahre andauernden Kampfzyklus’ bedeutete. Der Streik richtete sich gegen die von Fiat angeordnete Kurzarbeit zu null Stunden für 24 000 ArbeiterInnnen. Der Streik endete mit einem von der Gewerkschaft ausgehandelten Kompromiss, den die ArbeiterInnen als große Niederlage erlebten.

Der Film berichtet von kreativen und widerspenstigen Kommunikationsmitteln und Kämpfen und spontanen Streiks.

Protagonist des Films ist Pietro Perroti, der als junger Arbeiter nach Turin zieht, um bei Fiat zu arbeiten und politisch aktiv zu werden. Er kauft sich eine kleine Kamera, die er in die Fabrik schmuggelt, um dort den Arbeitsalltag in Bild und Ton festzuhalten. Er produzierte aussagekräftige Dokumente der Demonstrationen, der Streiks sowie der Streikposten vor den Werkstoren. Er unterstützte die Kämpfe mit kreativen, künstlerischen Beiträgen. – Der Dokumentarfilm erzählt vom Klima dieser Jahre; der massenhaften Beteiligung in der Fabrik, der Unterstützung der Kämpfe durch die Studentenbewegung, der Strahlkraft der Kämpfe hinein in die Gesellschaft und den Alltag, aber auch von den Konflikten mit Institutionen und Presse.

Edith Bergmann, Hannover

Quellen: http://www.nds.rosalux.de, httpwww.rosa-luxemburg.comwp-contentuploads201110Potere-Operaio_doku.pdf, Dokumentarfilm „Senza chiedere permesso!“

Tuta blu — „Tagebuch eines süditalienischen Bauernsohns, der unter die Arbeiter fiel“

1978 hat Tommaso die Ciaula (geb. 1941 in Adelfia bei Bari/Apulien) Tuta blu („Blaumann“), das „Tagebuch eines süditalienischen Bauernsohns, der unter die Arbeiter fiel“ veröffentlicht. – Der deutsche Titel: „Der Fabrikaffe und die Bäume“ bezieht sich auf eine Textstelle: „Worauf warten wir noch, warum stellen wir keine Affen an die Maschinen? Das würde ich Agnelli vorschlagen: die Affen in die Fabrik und die Arbeiter auf die Bäume. Manchmal kommt es mir so vor, als wären wir noch blöder als die Affen.“ Die dargestellte schwere Arbeit, der Zynismus der Fabrikhierarchie, die Streiks und Generalstreiks dieser Zeit, die Reflexionen über die Gewerkschafts- und politischen Bewegungen, Erinnerungen an den Großvater, das Leben auf dem Land, das Licht, das Meer, die Luft außerhalb der Fabrik liefern ein lebendiges Bild aus der Zeit und auch aus der Region Calabrien – jeder, der dort schon einmal die Betonwüsten gesehen hat, fühlt sich durch Ciaulas Beschreibung dorthin versetzt. Der Bauer muss in die Fabrik, die Fabriken werden wie Fremdkörper in Landschaften hineingesetzt, die Arbeitsbedingungen würdigen die Menschen herab. Ciaula macht mehr: wie die Menschen ihren Alltag leben und sich nicht als nur Arbeiter begreifen: sie sind mehr als das!

Ciaulo selbst ist dieser tagebuchschreibende Arbeiter – der Enkel von Bauern, der Sohn eines Carabiniero. Ciaulas Aufzeichnungen in Tuta Blu umfassen mehr als den Arbeitsalltag. Es muss sich was ändern, das spricht aus jeder Zeile. Ciaula schreibt sich seinen Zorn über vieles von der Seele, man begreift vieles über die sozialen Verhältnisse in Süditalien. Die Verfilmung (1987) durch F. Furtwängler mit A. Haber in der Titelrolle wird von Claudius Seidl damals in der „Zeit“ besprochen: „ ,Tomasso Blu’ schwafelt nicht nur von der Freiheit – er lässt sie auch seinen Zuschauern: die Freiheit, sich selbst ein Bild zu machen.“ Dies trifft auch für das Buch zu.

Eva Detscher, Karlsruhe

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